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Was ist mit den Jungen los?

Ich beobachte gespannt einen zehnjährigen Jungen, der „The Dangerous Book for Boys“ aus dem Harpercollings-Verlag („Das gefährliche Buch für Jungen“) von Conn und Hal Iggulden liest.

Im Buch wird erklärt, wie man Poker spielt, ein Go-Kart baut, einen Papierflieger bastelt, der richtig gut fliegt und vieles mehr. Er hat seinen „Heiligen Gral“ gefunden. Eingebettet in diese „dunklen“ Künste sind kurze Geschichten über heldenhafte Schlachten, gutes Benehmen und, ja auch, Mädchen. Seien sie gewarnt, verehrte Leser, dieses Buch entspricht sicherlich nicht der political correctness, und schlimmer noch, es könnte das Leben eines Jungen verändern.

Der Zehnjährige, den ich im Blick habe, ist ein fleißiger Schüler, der zuhause unterrichtet wird, und dessen Tage und Gedanken sich zwischen der örtlichen Baseball-Mannschaft und seiner geliebten Geige hin und her bewegen. Obwohl er auf dem Spielfeld den Ton angibt und bei seinen Kameraden beliebt ist, muss ich zugeben, dass er in gewissen Bereichen außen vor bleibt. Wenn das Gespräch vom Baseballspiel auf Videospiele gelenkt wird, ist der Junge eine Niete. Wenn sich die anderen über Fernsehen unterhalten, was sie auch regelmäßig tun (Filme und Fernsehen sind häufig Gegenstand von Gesprächen für Jungen ab sechs bis weit ins Erwachsenenalter hinein), ist der Junge ein Dummkopf. Er denkt „24“ ist ein besonderes Datum. Er würde es nicht bemerken, wenn Paris Hilton versuchen würde ihn zu überfahren. Er konzentriert sich lieber auf das Wurftraining beim Baseball und darauf, etwas mit seiner Geige zu tun, von der ich wiederum nichts verstehe.

Er schert aus dem heutigen Schema des „normalen“ Jungen aus. Aber wie und wann sich die Dinge für Jungen geändert haben, ist für mich schwer nachzuvollziehen. Irgendwann vor nicht allzu langer Zeit haben sie sich zurückgezogen. Wenn sie nicht gerade an einem Bildschirm kleben, sei es Computer, TV, Kino oder auch Handys, schlurfen sie allein oder in trotzig dreinschauenden Gruppen durch die Einkaufsstraßen. Baumhäuser bauen und auf Eichhörnchen zielen, ist schon lange nicht mehr so spannend wie die neueste Version von X-box und der neueste Abenteuerfilm im Kino.

„Overprotected boys“

Dabei sehen sie so gelangweilt aus. Wie kann ein Zwölfjähriger so gelangweilt sein…es sei denn, er ist durch konservierte Vergnügen so passiv gemacht worden, dass ihm nichts Anderes mehr einfällt. Er hat nie etwas Anderes kennen gelernt, als sein Spielzeug einzuschalten. Er ist es nicht gewohnt, ein Buch zu lesen, weil es bequemer ist eine DVD zu sehen. Er spielt nicht draußen auf der Straße mit Nachbarskindern, weil die anderen Jungen nicht da sind. Sie sind alle im Haus und sitzen vor ihrem eigenen Bildschirm. Außerdem sind seine Eltern und die seiner Freunde überzeugt, dass die Kinder entführt oder von anderen tyrannisiert werden könnten, wenn sie draußen spielen oder jemandem über den Weg laufen, der sie für eine Homosexuellen-Organisation gewinnen will.

Der Junge von heute kann nicht viele Erfahrungen sammeln, was man an seinen runden Schultern und dem Babyspeck erkennen kann, den er schon vor Jahren hätte ablegen sollen. Aber wie hätte er das tun sollen? Aus Sicherheitsgründen wird er zur Schule gefahren. Wenn er Sport treibt, dann nur in einer von Erwachsenen überorganisierten Sportwelt, die physischen Kontakt zwischen Jungen nur erlaubt, wenn sie von Kopf bis Fuß geschützt sind, und sie sich kaum bewegen können. Streitereien über eine Schiedsrichterentscheidung sind streng verboten. Eine Rauferei mit einem anderen Spieler kann seinen Ausschluss aus der Mannschaft bedeuten und seine ängstlichen Eltern auf der Tribüne wären gezwungen, mit dieser Schande zu leben.

Abgesehen vom Betätigen eines „Ein/Aus-Schalters“, des Lautstärkereglers und ein paar anderen Knöpfen, kann ein moderner Junge nicht viel. Er hat nie viel tun müssen und die Männer in seinem Leben sind verschwunden oder zu beschäftigt mit ihrer Arbeit oder dem eigenen Vergnügen, um ihm etwas beizubringen. Er weiß nicht wie man ein Auto wäscht, Holz sägt, einen Nagel in die Wand schlägt, eine Hecke schneidet, Unkraut jätet (oder einen Gemüsegarten pflegt), eine Rattenfalle aufstellt oder einen Platten am Fahrrad repariert. Wenn man genügend meckert, kann er vielleicht sein Bett machen (wenigstens teilweise), die Teller aus der Geschirrspülmaschine räumen und den Müll rausbringen, Aufgaben, die früher von den Mädchen erledigt wurden.

Auch die Schule hilft den Jungen nicht

Dann ist da noch die Schule. In den letzten Jahrzehnten, wurde kaum eine Institution so von Frauen beeinflusst und jungenunfreundlich gestaltet.

Zunächst einmal ist es für kleine Jungen gegen ihre Natur, sechs oder sieben Stunden am Tag still auf ihrem Platz amTisch zu sitzen. Früher gingen die Kinder morgens zur Schule, gingen oder rannten nach Hause für das Mittagessen und rannten gegen 15 Uhr los, nur um dann ihren Ball und die Handschuhe zu holen und die angestaute Energie von der Schule abzuarbeiten.

Desweiteren gibt es immer weniger männliche Lehrer. Die Schulleitung, früher mehr oder weniger den Männern vorbehalten, wird heute zunehmend von Frauen übernommen. Die verbleibenden männlichen Lehrer fürchten den Vorwurf allzu großer Nähe, und das schon, wenn sie nur einem Schüler die Hand auf die Schulter legen, um ja nicht auch noch eine Klage zu riskieren.

Auch wurde die Latte der schulischen Leistungen angehoben. Der Druck steigt, um die Kinder auf die Bedingungen in der globalen Wirtschaft vorzubereiten. Das gilt auch für Studenten, die zunehmend solche Fähigkeiten entwickeln müssen, die den Jungen genetisch nicht liegen, weswegen sie zurückfallen.

Die meisten Lehrer zerbrechen sich den Kopf über das, was man die „Krise der Jungen“ nennt. Auf der anderen Seite machen sich die Mädchen gut. Sie übertreffen die Jungen in allen Bereichen der symbolbestimmten Welt, in der wir leben. Sie erreichen bessere Abschlüsse und haben größere Aussichten auf Karriere. Mädchen sind mehr in den Karriereförderungsprogrammen, in Mathematik und naturwissenschaftlichen Kursen und allen außerschulischen Aktivitäten vertreten – außer im Sport. Schon im Jahr 2006 waren 58 % der Studenten an amerikanischen Colleges und Universitäten Mädchen.

Kein Wunder dass Junior Angst hat. Er kann nicht seiner Natur entsprechend leben; und selbst wenn er es nicht weiß, kann er es doch fühlen. Irgendwie hat sich unsere Art zu Leben verändert; zweifelsohne mit vielen Vorteilen, aber auch mit katastrophalen Auswirkungen auf unsere Jungen. Bei all den anderen Krisen in der Welt ist es sicherlich nicht unsere oberste Priorität, sich aufzuregen und große Veränderungen in unserer Jungenerziehung herbeizuführen. Aber denken Sie darüber nach. Ein Land ohne Männer, nur mit Bedürfnis befriedigenden Bildschirmguckern ohne Rückgrat ist wahrlich eine beängstigende Vorstellung.