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(Bild: ZDF)

Filmische
Qualität
5 / 5
Regie:Philipp Kadelbach nach einem Drehbuch von Stefan Kolditz
Darsteller:Volker Bruch, Tom Schilling, Katharina Schüttler, Ludwig Trepte, Miriam Stein, Mark Waschke, Götz Schubert, Alina Levshin, Christiane Paul, Henriette Richter-Röhl, Maxim Mehmet, Sylvester Groth, Lucas Gregorowicz
Land, Jahr:Deutschland 2013
Laufzeit:270 Minuten
Genre:Historische Filme
Publikum:ab 16 Jahren
Einschränkungen:Gewalt, explizite sexuelle Szenen
Auf DVD:3/2013

Im Sommer 1941 feiern fünf junge Freunde Abschied: Die Brüder Wilhelm (Volker Bruch) und Friedhelm (Tom Schilling) müssen an die Ostfront. Charly (Miriam Stein) meldet sich als Front-Krankenschwester freiwillig. Zurück in Berlin bleiben Greta (Katharina Schüttler) und der Jude Viktor (Ludwig Trepte). Weihnachten wollen sie zusammen feiern. Denn sie sind davon überzeugt, dass spätestens dann der Krieg vorbei ist. Bis in die kleinsten Nebenrollen prominent besetzt, zeichnet der Dreiteiler mit einer aufwändigen Kameratechnik insbesondere in den Kampfszenen das Schicksal dieser fünf Freunde von 1941 bis 1945 nach. Eine Zeit, die in ihnen allen tiefe Veränderungen hervorrufen wird. Der ursprünglich als Dreiteiler im Fernsehen ausgestrahlte Film setzt ganz neue Maßstäbe im filmischen Umgang mit Nationalsozialismus und Zweitem Krieg sowie mit der Schuldfrage.

Interview mit Drehbuchautor Stefan Kolditz und Hauptdarsteller Tom Schilling

„Unsere Mütter, unsere Väter“ erzählt deutsche Geschichte von 1941 – 1945 anhand fünf fiktiver Figuren – obwohl am Ende ihre angeblichen Lebensdaten angegeben werden. Sind diese Figuren Archetypen? 

Stefan Kolditz: Die Idee bestand darin, eine Art Generationsporträt für diese Zeit zu schaffen und dabei – das ist ein zwar Paradox, aber ich hoffe, dass es gelungen ist – das Individuelle im Prototypischen zu zeigen. Die fünf Figuren decken eine große Bandbreite ab, denn jeder Charakter ist sehr differenziert. Ich wollte nicht das klassische Schnittbodenmuster der Nazizeit benutzen: den SS-Mann, den Widerstandskämpfer, sondern vollkommen normale junge Leute am Beginn des Erwachsenwerdens mit Träumen, die sich auf jede Generation übertragen lassen. Entscheidend für mich war es, dass es bei den Figuren keine klare Trennung von Gut und Böse gibt. Obwohl sie selbst schreckliche Dinge tun, kann der Zuschauer diese Figuren dicht an sich heranlassen, ohne dass eine vordergründige Moralisierung eine Distanz schafft – wie die 68er Generation es tat. Mit den semidokumentarischen Angaben der Lebensdaten am Ende bekommt der Zuschauer zudem eine Anregung, sich über den Film hinaus vorzustellen, was aus den Figuren geworden sein könnte. Es geht um einen Erfahrungstransfer zwischen der Generation der Mütter und Väter, Großmütter und Großväter mit der heutigen Generation. 

Was ist das Neue an „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Vergleich zu den herkömmlichen Fernsehfilmen über diese Zeit? 

Tom Schilling: In den bisherigen Fernsehfilmen steht eine melodramatische Liebesgeschichte im Mittelpunkt, die sich vor dem Hintergrund der Geschichte, vor den Schrecken des Dritten Reiches oder vor dem Krieg entwickelt. Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ fällt dies bis auf die sehr zarte Liebesgeschichte zwischen Charly und Wilhelm komplett weg. Wir erzählen die Geschichte von fünf jungen Menschen, die wahrscheinlich so sind, wie die jungen Menschen heute auch sein könnten. Nur dass sie das Pech hatten, in dieser Zeit groß zu werden. Sie tun Dinge, die wir aus dem Zeitabstand extrem fragwürdig finden. Diese Dinge sieht man selten im Fernsehen – aus Angst, dass sich der Zuschauer nicht mehr mit ihnen identifizieren kann. Da werden häufig Antagonisten gezeigt, der böse Obersturmbannführer und die liebe Krankenschwester. Wir zeigen junge Leute, die selber Schuld auf sich laden, und die sich extrem von dem entfernen, was wir aus dem Fernsehen kannten. Trotzdem lernen wir es nachzuvollziehen, vielleicht zu verstehen, nicht zu entschuldigen, aber wir setzen uns damit auseinander. Dadurch nähern wir uns unseren Großeltern, unseren Müttern und unseren Vätern auf eine Art und Weise, wie wir es sonst nicht gemacht haben.

Für den Drehbuchautor handelt es sich um die Generation der Eltern. Für die fünf Hauptdarsteller eher um die der Großeltern. Kann die dritte Generation mit diesen Ereignissen vorurteilsfreier als etwa die 68er umgehen?

Stefan Kolditz: Ich glaube, ja. Zwar hat mir mein Vater, der schon lange tot ist, relativ viel von seiner Kriegszeit erzählt. Aber als Kind habe ich es ganz anders aufgenommen, als ich heute damit umgehen würde. Wir wissen, dass diese Generation einerseits mit großer Schuld, andererseits aber auch mit einer enormen Energie, aus dem zum zweiten Mal geschenkten Leben etwas zu machen, aufgeladen war. Gleichzeitig erfuhr sie völliges Unverständnis von der Generation ihrer Kinder. Sie haben ja die 68er erwähnt. Das war damals ein wichtiger Prozess, es aufzubrechen. Aber dieser Prozess arbeitete auch mit sehr eindimensionalen Urteilen. Deswegen glaube ich, dass sich die Generation der Enkel vorbehaltsloser nähern kann, ohne dass, was ihre Großeltern getan haben, nivelliert wird. 

Tom Schilling: Ich kann es nur mutmaßen, weil ich zu der Zeit nicht gelebt habe, aber ich denke, dass der Dialog – wenn man es Dialog nennen kann – verständlicherweise, weil es so frisch war, von den 68ern falsch geführt wurde. Auf der einen Seite waren Vorwürfe, eine Anklage und auch eine Dringlichkeit – man wollte ja wissen „Was habt ihr gemacht? Seid Ihr gut oder seid Ihr böse gewesen“ – und auf der Seite der Beteiligten unglaublich viel Scham und Tabuisierung. Wer gibt gerne zu, dass er sich hat verführen lassen? Wer gibt schon zu, dass er an die falschen Ideale geglaubt hat? Oder wer gibt schon gerne zu, dass er in Kriegszeiten wie ein Tier geworden ist? 

In „Unsere Mütter, unsere Väter“ werden viele Themen behandelt – von der Swing-Musik über die Kriegsverbrechen des SD bis hin zum Gestapo-Mann, der nach dem Krieg wieder in Amt und Würden steht. Haben Sie sie im Vorfeld festgelegt, oder haben sie sich im Laufe des Schreibens ergeben?

Stefan Kolditz: Ich habe mich für diese Zeit schon seit meiner Schulzeit interessiert. Ich komme aus der DDR. Natürlich stimmte die Ideologie in der DDR nicht, dass alle Nazis und Kriegsverbrecher grundsätzlich in der Bundesrepublik saßen und die DDR frei davon war, obwohl wir auch wissen, dass die Bundesrepublik –anders als die DDR – auf den Säulen des Nationalsozialismus errichtet worden ist. Als ich 2005 begann, mich auf den Film vorzubereiten, habe ich zunächst ein Jahr lang nur gelesen, so dass sich viele Dinge im Drehbuch zwangsläufig ergaben. Tagebücher, Erinnerungen einfacher Soldaten spielten eine große Rolle. Von Anfang an war mir klar, dass eine Differenziertheit der verschiedenen Momente, ohne plakativ oder vordergründig zu wirken, nur über die Charaktere erreicht werden konnte. Wenn man versucht, diese Generation anders als alle anderen zu erzählen, muss man sich diesen Figuren auf eine ganz neue Weise nähern. 

Die größte Entwicklung machen ja Wilhelm und Friedhelm durch, die sich jeweils sozusagen um 180 Grad drehen. War das so von Anfang an geplant?

Stefan Kolditz: Im Krieg gibt es immer zwei Möglichkeiten. Die erste besteht darin, dass man über existentielle Entscheidungen seine Menschlichkeit entdeckt. Wilhelm begreift plötzlich, dass dieser Krieg, von dem er anfangs überzeugt war, sich nicht mehr mit seinen Überzeugungen in Übereinstimmung befindet. Und umgekehrt: Viele Soldaten beschreiben, dass sie diesen Krieg nur überstehen konnten, indem sie versucht haben, jede Emotionalität wegzuschieben, nur noch zu funktionieren. Das geschieht mit seinem Bruder Friedhelm. Insofern handelt es sich um zwei exemplarische Wege, die ich an zwei exemplarischen Figuren erzähle. 

Tom Schilling: Die Figur des Friedhelms, die ich spiele, macht eine gewaltige Entwicklung durch. Würde man ihn nur im Teil 2 und im Teil 3 kennenlernen, würde man fragen: Wo kommt dieser Mensch her? Was muss mit ihm passiert sein, dass er scheinbar nicht reflektiert, nicht rebelliert, nichts in Frage stellt, sondern einfach nur in diesem Krieg kaltblütig funktioniert? Ich glaube, dass Friedhelm merkt, dass seine Haltung nicht zu dem gewünschten Ergebnis führt. Das Ergebnis ist noch nicht einmal groß durchdacht, sondern einfach der innere Wunsch, überleben zu wollen. Für diesen Überlebenstrieb, den jeder in sich spürt, gibt er Stück für Stück gewisse Positionen auf. Anfangs verweigert er sich, aber er merkt, dass er durch seine Verweigerung seine Kameraden gefährdet. Dann merkt er, dass sein Ansatz, im Gegensatz zu den andern Soldaten und zur Führungsebene in der Wehrmacht nicht als Besatzungsmacht auftreten zu wollen, sondern die Nähe zur Bevölkerung zu suchen, ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Als ihm die Bauern einen Weg weisen, der sich als vermimt herausstellt, empfindet er es als großen Verrat. Da verändert sich etwas in ihm, er nimmt die Haltung ein: „Entweder ich oder Ihr. Ich kann es nicht ändern“.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ ist bis in die Nebenrollen prominent besetzt. Was bedeutet für einen Schauspieler, zu den fünf Hauptfiguren zu gehören?

Tom Schilling: Für einen Schauspieler ist das ein Lottogewinn. Die Qualität von „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist im Fernsehen rar gesät. Man kriegt nicht jedes Jahr einen solchen Film angeboten. Ich hoffe, dass die Quote stimmt, weil es dann in Zukunft leichter sein wird, dass die Verantwortlichen den Mut aufbringen, solche Produktionen zu finanzieren.