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Kathy Ross und ihr Mann Dan begegnen auf dem Friedhof einer jungen Frau, die Blumen auf ein Grab legt. Das Grab zieht Kathy in ihren Bann. Sie geht näher. Sie flüstert den Namen, der auf dem Grabstein steht – Tilly. Die Frau hört es, erschrickt, flieht auf Kathys vorsichtige Frage hin, wer denn Tilly war. Kathy betrachtet den Grabstein genau. „Nur ein einziges Datum. Nur eins. Vor neun Jahren.“

Frank E. Peretti

Verlag: Arnd Strube, Wennigse, 2001; 103 S.;  ISBN-10: 3831127387

Sie kann in letzter Zeit oft nicht schlafen. Sie steht nachts auf, weint, schaut Fotos oder Spielsachen ihrer Kinder an. Ihr Mann ist besorgt. Er geht ihr nach, er will ihr helfen. Am nächsten Morgen lässt er sie ausschlafen, den ganzen Tag.

Sie träumt. Kinder vor ihrem Fenster. Der Lärm stört sie. Sie wird ärgerlich, steht auf. Sie ist in ihrem Zimmer, aber der Wecker ist nicht da. Draußen ist grelles Licht – „Sonnenlicht – wenn es das wirklich war– flutete durch alle Fenster ins Haus hinein.“ Das Licht blendet sie zuerst. Aber dann sieht sie die Kinder. Hunderte. Sie spielen und bemerken sie zuerst nicht. Sie sehen aus wie Kinder sonst. Aber etwas ist anders. Sie widmen ihr ihre ganze Aufmerksamkeit. Dass sie hier aus der Gegend seien, überrascht sie.

Sie fragt einen Jungen nach seinem Namen. Das bringt ihn in Verlegenheit. Er hat keinen. Auch keine Eltern. „Keiner von uns hat Eltern.“ „Langsam begann sie, diese sonderbare Geschichte zu glauben, und das brachte sie aus der Fassung. Keine Namen…und keine Eltern? Keiner von euch?“ Sie sucht nach einer natürlichen Erklärung. Vielleicht ein Werbegag ihres Mannes, und er hat nur vergessen, ihr davon zu berichten? Sie schickt die Kinder weg. Sie will weiterschlafen. Die Kinder gehen. Ein kleines Mädchen sitzt noch auf der Treppe und schaut Kathy an, scheu, aufmerksam. Kathy sieht, dass sie geweint hat. Sie unterhalten sich. Das Mädchen hat einen Wunsch, den es schließlich auszusprechen wagt. Es möchte so gerne zum Mittagessen bleiben. Es nennt seinen Namen – dieses Kind hat einen Namen – Tilly. Kathy erschrickt und fragt nach dem Alter des Kindes.

Der Blick aus dem Fenster zeigt plötzlich eine unbekannte Gegend mit Bäumen und Wiesen. „Das ist nicht meine Gegend“, stellt Kathy fest. „Nein, dies ist meine Gegend“, antwortet Tilly.

Tilly ist glücklich. Am liebsten würde sie jeden Tag bei Kathy Mittagessen. Das Essen selbst ist ihr nicht wichtig. „Aber Sie wären doch da.“ Sie schauen Fotos an. Ein Familienporträt – „Das sind wir alle zusammen“, sagt Kathy ihr. Tilly betrachtet es lange. Sie weint. Kathy fragt nach ihrer Familie. „Jesus kümmert sich um mich“, antwortet sie. Kathy versucht, es ganz harmlos zu nehmen. „Jesus kümmert sich um uns alle, aber…“ Tilly möchte alles von Amy, der Tochter, wissen, jede Einzelheit. Sie darf das ganze Haus sehen. Der Spaziergang der beiden löst Kathy vollständig von der realen Welt. Kathy weiß, ihr vertrautes Haus würde nicht mehr da sein, wenn sie sich umdreht. Aber vorläufig braucht Kathy nicht zurückzugehen. Sie gehen durch die Wiesen, Hand in Hand.

Wunderschön ist die Umgebung, aber mehr noch freut sich Kathy an dem Kind. „Dieses kleine Kind verkörperte Segen, Freude, Leben und Reinheit. Hier gab es kein Leiden. Aller Schmerz war weit weg.“ Sie spielen zusammen, sie leben für Momente ganz in der Gegenwart. Aber doch wieder die grundlegenden Fragen, die sie beide die ganze Zeit beschäftigen. Sie müsse hier sehr glücklich sein, meint Kathy. Das ist Tilly meistens. Aber ihre Familie fehlt ihr. Jesus hat ihr von ihrer Familie erzählt.

Es tut nicht mehr weh. Tilly ist ihrer Mutter nicht böse. Sie liebt sie. Sie möchte nur ihr Gesicht sehen. „Frau Ross, wenn ich ihr Gesicht sehe, werde ich es einfach nur anschauen und nicht aufhören, bis ich es genau kenne und nie wieder vergessen kann.“ Aber dann spricht sie aus, was beide längst wissen. „Du bist meine Mutter. Das ist alles, was ich weiß. Das ist alles, was ich verstehe, und…das ist alles, was ich möchte.“ „Tilly stand jetzt vor ihr. Direkt vor ihr. Die braunen Augen trafen ihre eigenen. Ihre Seele lag in diesen Augen, ein verlangendes Herz, das sich nach ihr ausstreckte.“ „Ich halte ein Kind in meinen Armen“, denkt Kathy, „ein wirkliches Kind. Mein Kind.“ Als Tilly ihr versichert, dass sie ihr längst vergeben hat, ist es Kathy, als ob sich eine „giftige, bohrende Spitze“ aus ihrer Seele zurückzöge. Sie bricht fast zusammen vor Erleichterung. All ihre Trauer und Reue bricht aus Kathy heraus. Mit ihrem Kind auf dem Schoss lässt sie sich Zeit, an alles zu denken. „Hier war Friede, genug, um sie beide zu bedecken und zu schützen, bis Kathys Herz frei war.“ Das Kind möchte gehalten werden. Von seiner eigenen Mutter, die es immer vermisst hat. „Sogar, wenn ich versuchte, nicht daran zu denken, in meinem Herzen habe ich Dich doch immer vermisst.“

Kaum merklich, deutet der Autor in seinen Formulierungen immer wieder an, wo das Mädchen jetzt zuhause ist: „Das strahlende Licht spielte mit dem Musselin. Das Kleid schien förmlich zu leuchten“, heißt es schon in der Szene der vielen Kinder vor dem Fenster. Die Spannung der Erzählung wird gesteigert durch die parallele Schilderung der Unternehmungen von Dan. Er sucht den Friedhofsgärtner auf, das Bestattungsinstitut, den Pfarrer. Gemeinsam gehen sie zu der jungen Frau, welche Kathy am Grab gesehen hat. Sie war damals dabei, bei der Abtreibung im Familienplanungszentrum, als Assistentin. Das Kind hat seine Abtreibung überlebt und eine Stunde lang um sein Leben gekämpft, bevor es in ihren Armen verstarb. „Anita trug sie an jenem Tag aus der Klink und kehrte nie wieder dorthin zurück.“

Dan möchte Kathy wecken. Sie hat den ganzen Tag geschlafen. Er ruft nach ihr. Kathy möchte nicht gehen. Sie versteht kaum noch, was Tilly ihr sagt. „Tilly war verzweifelt. Sie hatte noch mehr zu sagen. Sie musste ihre Mutter dazu bringen, ihr zuzuhören.“ Aber Tillys Stimme dringt nur noch gedämpft zu ihr. „Nimm meine Hände, Tilly, lass mich nicht los.“ „Und denke immer daran, dass es nicht mehr wehtut“, ruft Tilly. Kathy vernimmt Dans stimme wie ein Donnergrollen, das die Stille durchbricht. Sie will nicht gehen. Du musst, sagt ihr Tilly. „Ich warte auf dich. Ich liebe dich, Mami. Ich liebe euch alle.“ Sie ist schon weiter entfernt. Aber sie winkt und lächelt. Und dann kommt ein Satz, der für mich den Kern dieser schönen Erzählung enthält: „Tilly rief über den immer weiter werdenden Abgrund: ‚Das Leben ist nur kurz. Du wirst mich wiedersehen. Dann kannst du mich an dich drücken, solange du willst, und du brauchst nie wieder weinen.‘ “

War es Wirklichkeit oder doch nur ein Traum? Die Frage ist letztlich nicht wichtig. Vielleicht ist es auch ein und dasselbe. Es ist eine Wirklichkeit, an der sich nicht zweifeln lässt. Die schöne, künstlerische Sprache der Erzählung macht sie noch lebendiger. Sie führt den Leser zu einer Ebene der Wirklichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Sie macht Vorwürfe entbehrlich, so wie sie verharmlosende Vorstellungen korrigiert und ihnen ihre Kraft nimmt. Sie lässt keine Verdrängung mehr zu.

Am Grab ihres Kindes weint Kathy um „all die Kinder, die keinen Namen hatten und keine Eltern, – die leben, obwohl sie nie geboren wurden.“