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(Foto: Netflix)

Filmische Qualität:   3,5 / 5
Regie:Baran bo Odar, Jantje Friese
Darsteller:Louis Hofmann, Dietrich Hollinderbäumer, Lisa Vicari, Barbara Nüsse, Hermann Beyer, Hans Diehl, Jakob Diehl, Julia Jenkins, Deborah Kaufmann, Stephan Kampwirth, Arnd Klawitter, Wolfram Koch, Lisa Kreuzer, Nina Kronjäger, Paul Lux, Oliver Masucci, Andreas 
Land, Jahr:Deutschland 2020
Laufzeit:500 Minuten
Genre:
Publikum:ab 16 Jahren
Einschränkungen:Gewalttätige, Explizite sexuelle Szenen
im Kino:7/2020

Die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion „Dark“ gilt als eine der besten aktuellen Fernsehserien aus deutschen Landen, die auch internationale Erfolge feiern konnte. Sie verknüpfte das Schicksal von vier Familien in einer fiktiven Stadt auf drei verschiedenen Zeitebenen, in den Jahren 1953, 1986 und 2019. Verschwinden zu Beginn der Handlung Kinder, so scheinen sich die Tragödien alle 33 Jahre zu wiederholen.

Zu den drei Zeitebenen kamen in Dark – Zweite Staffel noch zwei weitere auf der Suche nach dem „Ursprung“ hinzu. Immer deutlicher wird es, dass in einem jeden der 33-Jahre-Zyklen eine Apokalypse stattfinden muss. Um sie zu verhindern, möchte die Hauptfigur Jonas (Louis Hofmann) in die Vergangenheit reisen. 

Nun stellt Netflix die dritte – und erklärtermaßen letzte – Staffel auf die Streamingplattform. Eine Off-Stimme stellt die Frage, die eigentlich über der ganzen Serie steht: „Können wir unserem Schicksal entkommen, oder wird es durch eine unsichtbare Hand gelenkt?“ Denn wieder einmal ist „die Apokalypse quasi um die Ecke“. Wieder einmal geht es darum, „den Ursprung“ zu finden, um womöglich die endlose Zeitschleife zu durchbrechen. Erst am Ende der achten Folge, also zum Finale der gesamten „Dark“-Serie, wird diese Frage beantwortet – auf eindrückliche Weise, weil die Protagonisten allen deterministischen Vorhersagen zum Trotz doch noch eine freie Entscheidung treffen. 

Zunächst muss der Zuschauer jedoch wieder einmal zum Beginn reisen, zum Mikrokosmos der fiktiven Kleinstadt Winden, in der die vier Familien über die Zeit auf mysteriöse Art miteinander verbunden zu sein scheinen. Nach einem Kameraflug über die düsteren, bedrohlichen Wälder, die Winden umgeben, werden Familienfotos der vier Familien gezeigt, damit sich der Zuschauer sozusagen mit der großen Anzahl an Figuren wieder vertraut macht. 

Allerdings kommt in der dritten Staffel noch ein weiteres Element hinzu, das die Serie noch komplexer gestaltet. Denn die Frage lautet nun nicht (nur), aus welcher Zeit, sondern aus welcher Welt jemand kommt: Der Zuschauer erfährt, dass Jonas, seine Freundin Martha (Lisa Vicari) und natürlich alle anderen auch in zwei Parallelwelten leben, die jeweils von Adam (Dietrich Hollinderbäumer) und Eva (Barbara Nüsse) beherrscht werden, wobei die Namen selbstverständlich nicht zufällig gewählt wurden. Denn „Dark“ setzt bewusst religiöse Allegorien ein. Immer wieder ist etwa auch das riesige Doppelgemälde „Adam und Eva“ von Lucas Cranach dem Älteren (Kunsthistorisches Museum Wien) zu sehen. 

Nun müssen sich Jonas und Martha für die eine oder andere Seite entscheiden, für Licht oder Schatten, für eine der zwei Gruppen, die um die Vorherrschaft über das Zeitreisen kämpfen. Den gegeneinander widerstreitenden Seiten geht es darum, den „Knoten“ zu finden, der alles Unheil auslöste. Jonas und Martha werden abwechselnd von der einen und der anderen Seite versucht oder angeworben, den „Knoten“ zu finden. Im Hintergrund bleibt auch die Frage, ob auf die eine oder andere Art und Weise „das Paradies, eine perfekte Welt“ zu erreichen ist.

Zu den Stärken der „Dark“-Serie von Baran bo Odar und Jantje Friese gehören nicht nur die Schauspieler, sondern insbesondere auch die bedrohlich wirkende Atmosphäre. Damit der Zuschauer den Überblick nicht (ganz) verliert, setzen die Serienentwickler verschiedene Kniffe ein, etwa einen „Zoom-“ oder „Saug“-Schnitt, der von einer Figur in der einen zur selben Figur in der anderen Welt führt. Unterschiedliche Merkmale, etwa Narben, helfen ebenfalls in diesem Zusammenhang.

Hinter der Science-Fiction-Oberfläche werden immer wieder tiefgründige Fragen ausdrücklich gestellt: Was Realität sei, und ob es davon nur eine gebe, bis hin zu einem hochaktuellen Denkspiel, ob nun der Tod „überlistet“ werden könne. Neben dem klassischen Kampf zwischen Licht und Schatten, zwischen Gut und Böse handelt „Dark“ insbesondere auch von der Frage, ob der Lauf der Zeit unveränderlich ist, oder aber Mensch mit seinem freien Willen dem Sich-Wiederholenden Einhalt gebieten kann. Die metaphysischen Fragen werden darüber hinaus mit einer universell-menschlichen Geschichte um Verlust, Trauer und Liebe verknüpft. 

Weil „Dark“ die Science-Fiction-Geschichte um die Durchdringung des Zeit- und Raumkontinuums mit innerer Logik darstellt, sind die oben angesprochenen Fragen auch ernst zu nehmen. „Dark“ braucht den internationalen Vergleich mit anderen Netflix-Serien gar nicht zu scheuen. So waren die erste und die zweite Staffeln auch international ein großer Erfolg. Dies ist auch der dritten zu wünschen, die außerdem die ganze „Dark“-Geschichte zu einem würdigen Abschluss bringt.