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Heb’ die Hand, wenn Du schon mal Folgendes erlebt hast: ein eigentlich frohes Familientreffen artet in eine heftige Debatte über Maskenzwang aus; ein politisch brisanter Beitrag wird in den sozialen Medien mit Hinblick auf einen 3. Weltkrieg gebracht; ein Gespräch beginnt mit Lachen und endet mit Verwünschungen. Solche Art Konflikte scheint es beinahe täglich im Jahr 2020 zu geben.

Nehmen wir als Beispiel ein Familientreffen: 

Der kleine Joe: klasse, das Essen ist toll, ich mag Euch alle so sehr.

Die Oma: Ja, es gibt nichts Schöneres, als Zeit mit meiner wunderbaren Familie zu verbringen. 

Onkel Bob: In dem Zusammenhang muss ich sagen, dass ich die Nase von unserer Regierung voll habe, die mich zwingt, eine Maske zu tragen.

Tante Sally: So, Du sagst also, dass Dir das Wohlergehen aller Menschen außer Deinem eigenen völlig schnuppe ist? (zündet sich eine Zigarette an). 

Ja, so ist sie, die Welt in der wir leben. Ob wir nun Teilnehmer, oder Beobachter sind, es ist immer wichtig, die Menschen trotz aller Meinungsverschiedenheiten wertzuschätzen, und seien sie deren engagierteste und enthusiastischste Vertreter. 

Der Schlüssel hierzu ist Empathie, zweifellos ein Modewort, oft beschworen, kommt es jedoch ohne konkrete Anweisungen daher. Deswegen möchte ich eine Betriebsanleitung für Anfänger hier einstellen. Man muss sich dazu in die Position des Anderen versetzen und versuchen, die Welt mit seinen oder ihren Augen zu sehen, was nicht bedeutet, die eigenen Werte zu opfern, oder die persönliche Meinung infrage zu stellen. Hier also 6 Regeln, um gegenüber jemandem, den man schätzt, respektvoll anderer Meinung zu sein.

Sei nicht überrascht.

Wenn die Verwandten sich während der letzten 10 jährlichen Treffen über Politik gestritten haben, erwarte nicht, dass sie in diesem Jahr über Schmetterlinge reden werden. Andererseits, wenn Du mit jemandem erstmals zusammentriffst, sei nicht erstaunt, wenn seine oder ihre Meinung z.B. über Wahlen der Deinen radikal entgegenstehen. Es wäre sicher schön, wenn alle die gleiche Meinung hätten, doch zeigt die ganze Menschheitsgeschichte, dass dies schon immer unmöglich war. Würdest Du so etwas, wie eine universelle Wahrheit erwarten, würde Dich die Realität wie eine Tonne Pflastersteine treffen.

Bleib’ auf dem Teppich.

Sensibilität ist angebracht. Wenn Du feststellst, dass Deine Konversation kompliziert wird, versuche Dich in „Achtsamkeits“- Übungen: atme mehrmals tief durch, erspüre Deinen Körper, zähle langsam bis 10, denk an etwas Entspannendes oder etwas, wofür Du dankbar sein möchtest. Du wirst konzentrierter und weniger aufbrausend sein, wenn das Gespräch an Schärfe gewinnt.

Hör genau zu.

Es passiert häufig, dass Menschen, die zu heftigen Diskussionen neigen, selten auf jemand getroffen sind, der wirklich zuhören kann. Sei der Erste, der sie damit schockiert. Hör aufmerksam zu, lass ihre Worte in Dich eindringen, ohne ihre unterschwelligen Motive, Pathologien oder ihre Moral zu hinterfragen. Hat er oder sie ausgeredet, versuche Dir klar zu machen, was die Person zu Dir gesagt hat, bevor Du antwortest. Dies lässt Dein Gegenüber begreifen, dass Du wirklich zugehört hast und seine Worte Dir wichtig sind.

Antworte respektvoll und klar. 

Nutze die “soft-hard-soft” Technik für Deine Antwort: “soft” also nachgiebige Aussagen vermitteln Empathie und bekräftigen einen gemeinsamen Nenner, während “hard” eine klare Aussage respektvoll und ausdrücklich vorgetragen, die eigene Meinung transportiert. Hier ein Beispiel: „Es hört sich an, als seiest Du wirklich besorgt um die Verteidigung unseres Heimatlandes und ich stimme Dir zu, wie wichtig es ist, die Heimat zu sichern. [soft] Ich glaube aber auch, dass es weniger interventionistische Möglichkeiten gibt, das Ziel zu erreichen, was eher in den Bereich der Politik, nicht aber der Moral gehört. [hard] Wir mögen da unterschiedlicher Meinung sein, aber ich freue mich, das uns beiden daran liegt, unsere Lieben in Sicherheit zu wissen und bin dankbar, dass Du Dir auch Sorgen um das Wohlergehen von uns allen machst.“ [soft]

Versetze Dich in Das Universum des Anderen.

Im Bereich der Ehe- und Familien-Therapie heben wir die Bedeutung von Systemen hervor; will sagen, dass Menschen und ihre Handlungen im Kontext ihrer Umgebung gesehen werden sollten. Die Persönlichkeit eines Menschen und seine Handlungsweisen werden nicht bei der Geburt mitgeliefert, sie entwickeln sich vielmehr als Überlebensanpassung an die eigene Umgebung. Wenn Du anderer Meinung bist, selbst mit jemandem, dessen Ansichten den Deinen absolut entgegenstehen, sind die Chancen, die Person als moralisch niedriger anzusehen UND ihn dennoch zu schätzen, äußerst gering. Hier ist wichtig, daran zu denken, dass die Ansichten dieses Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, in sein Weltbild passen. Kurz, nimm für ihn das Beste an, solange er Dir nicht persönlich zu nahe tritt.

Kenne Deine Grenzen.

Diese Regel ist eine Ausschlussklausel zum Abschluss. Du musst selbst entscheiden, was Du bereit bist, zu tolerieren und was nicht. Es steht außer Frage, dass Bedrohungen oder Gewalt in einer Auseinandersetzung auf jeden Fall zu vermeiden sind. Wenn jemand nicht aufhört, Dich direkt, mit Argumenten, die gegen Deine Person (ad hominem) gerichtet sind und nichts mit der Sache zu tun haben, anzugreifen, wird die Auseinandersetzung fruchtlos sein. Engagiere Dich, soweit es in Deiner Macht steht, nutze jede Möglichkeit, dem Menschen zu zeigen, dass Dir die Angelegenheit nicht belanglos vorkommt, doch musst Du wissen, wann es Zeit ist, sich mit einem freundlichen Lächeln zurückzuziehen. 

Das sind die sechs Regeln für eine Auseinandersetzung in Würde. Diese Regeln sind zwar auf Familienfeiern oder Treffen mit Freunden zugeschnitten, sind jedoch auch auf Diskussionen mit Partnern, Kollegen und Nachbarn anzuwenden. Angesichts der wohl strittigsten Wahlen in der Geschichte der USA empfiehlt es sich, diese Regeln bei sich zu führen, mit Freunden zu teilen und darüber im Kreis der Familie zu sprechen, um hoffentlich Frieden auf Erdenvor und nach dem 4. November erreichen zu können.


Übersetzt von Horst Niederehe mit Erlaubnis des Institute for Family Studies.