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Vor einigen Jahren traf ich auf einem Familienfest eine Kusine, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Zu vorgerückter Stunde setzte sie sich neben meine Frau und mich und sprach uns auf unsere Söhne an, die inzwischen groß geworden waren. Den ganzen Abend über habe sie unsere  Söhne beobachtet, wie sie sich verhielten und mit den vielen Verwandten und vor allem untereinander austauschten. Das habe ihr sehr gut gefallen, es sei schön zu sehen, wie sie geworden seien. Da hätten wir doch wirklich alles richtig gemacht…

Ein beunruhigendes Kompliment

Zunächst war das für mich das schönste Kompliment, das ich mir denken kann. So etwas zu hören, tut Eltern gut und entschädigt auf der Stelle für viele Sorgen und Mühen. Aber ein wenig später wurde ich doch nachdenklich. Was hatten meine Frau und ich denn eigentlich „gemacht“ mit unseren Kindern? Wir hatten doch kein besonderes pädagogisches Programm „durchgezogen“ oder irgendwelche speziellen „Strategien“ verfolgt. Jedenfalls was mich selbst betrifft, fiel mir keine passende Antwort ein; ich hatte eigentlich gar nichts „gemacht“…

Einleuchtend erschien mir in diesem Zusammenhang die Rolle meiner Frau, die von Anfang an mit Hingabe die Aufgabe einer Mutter und Hausfrau angenommen hatte und sie mit großer Konsequenz und Geduld immer weiter ausfüllt – vom ersten Lebensjahr der Kinder über den Schulabschluss und weit darüber hinaus. Ich erinnerte mich dagegen an nichts „Besonderes“ zu meiner Rolle als Vater, mir fielen vielmehr gerade die weniger erfreulichen Fälle ein – viel zu lange Arbeitstage außer Haus, an denen die Kinder morgens, als ich das Haus verließ, noch schliefen und abends, bei meiner Rückkehr, schon wieder im Bett waren; unerfreuliche abendliche Übungsstunden vor Klassenarbeiten, wobei sich nicht selten zeigte, dass Väter als Nachhilfelehrer zu befangen und viel zu ungeduldig sind.

Intuition oder Theorie?

So fiel es mir immer schwerer zu sagen, was ich denn im Verhältnis zu meinen Kindern aktiv und objektiv „richtig gemacht“ hatte, so dass sie keinen Schaden nahmen und sich gut entwickelten. Schließlich bekam ich beim weiteren Nachdenken so ein seltsames Gefühl, als sei mir durch das nette Kompliment plötzlich meine Unbefangenheit und Spontaneität abhanden gekommen. So ginge es wohl, dachte ich mit einem Lächeln, einem Tausendfüßler, der gedanklich zu durchdringen versuchte, wie er eigentlich seine Füße im Einzelnen bei jedem Schritt zu setzen hätte – das arme Tier käme nicht mehr vom Fleck.

Ich erinnerte mich dunkel an das Werk des berühmten Pädagogen Theodor Litt, mit dem vielsagenden Titel „Führen oder wachsen lassen?“, oder an Bruno Bettelheims Standardwerk „A Good Enough Parent“. Leider konnte ich aber nicht mehr sagen, ob ich diese Werke überhaupt je gelesen hatte, jedenfalls hatte ich keine Ahnung, was sie aussagten und auch nie ein explizites Erziehungsprogramm verfolgt. So musste es doch eher am Intuitiven gelegen haben. Aber gibt es so etwas wie eine unterbewusste „Motorik der Erziehung“?

Die Motorik der Erziehung

Vielleicht ist das entscheidende Element dabei dieses: Durch Handeln – nicht nur durch Worte – glaubhaft zu machen, dass man sich selbst nicht über den Anderen stellt, dass man sich selbst nicht ernster nimmt, als die Bedürfnisse, Nöte, Hoffnungen und Anliegen der Frau und der Kinder.

Simulieren lässt sich das nicht, deshalb muss niemandem bange sein, dass Eltern sich Zwang antun oder Theater spielen müssten. Sie hätten ohnehin keine Chance auch nur durch den ersten Akt zu kommen, ohne dass ihre Kinder das Schauspiel durchschauten. Die Wahrheit kommt immer raus in der Erziehung.

Mein eigener Vater liebte einen Sinnspruch, den er als Student einmal gelernt und verinnerlicht hatte, eine Art philosophische Grundregel: „Fragen, sich fragen lassen und sich selbst in Frage stellen…“In der Familie wurde er dafür mit den Jahren immer ein wenig verspottet; aber mir gefällt der Spruch noch heute. Er passt nicht nur als Bonmot in den philosophischen Diskurs, sondern auch als praktischer Ratschlag in die Erziehung.

Einfach da sein

Gerade für Jungen ist auch die Nähe des Vaters unabdingbar – mittlerweile eine pädagogische Binsenweisheit, die ich als Vater von vier Söhnen, aber auch aus eigener Kindheits-Erfahrung bestätigen kann. Obwohl ich nie sonderlich gerne zur Schule gegangen bin, sind mir zum Beispiel viele lange, getrennte Ferienaufenthalte in unguter Erinnerung, in denen ich meinen Vater vermisste. Für einen Jungen sind Ferien keine Erholung, in denen nur Mutter, Schwester, Tanten als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Immerhin hat sich in mir ein Rest nicht ausgelebten Spieltriebs bis heute erhalten, ein Kind im Manne, das immer mit ehrlichem eigenem Vergnügen (und nicht aus pädagogischer Überlegung) an den Spielen seiner Söhne teilnahm. So etwas verbindet. Wenn meine inzwischen erwachsenen Söhne von Zeit zu Zeit „wieder zu Hause“ sind, dann fühle ich mich wohl.Wir können im selben Zimmer sitzen, oder in verschiedenen, einer mag Zeitung lesen, ein anderer ein Computerspiel machen, die Unterhaltung mag gehaltvoll sein, oder banal.

Trotzdem tut es einfach gut, dass sie da sind. Wir liegen nicht mehr wie früher stundenlang zusammen auf dem Teppich und bauen Lego-Burgen oder Raumstationen; wenn wir in freier Natur sind, brauchen wir nicht mehr im Unterholz Cowboyspiele zu machen oder Schneeballschlachten im winterlichen Garten. Aber wir haben das alles zusammen erlebt, wir sind ein Team und wir vertrauen einander blind.

Freunde werden

Ich war nie ein Anhänger kumpelhaften Umgangs mit Kindern. Kinder als kleine Erwachsene „auf gleicher Augenhöhe“ zu behandeln, ist genauso schlimm, wie sie als Fremde zu betrachten – es ist wie die Weigerung, Vater oder Mutter sein zu wollen. Auch darüber habe ich keine Studien angestellt. Ich erinnere mich jedoch, wie selbstverständlich mein eigener Vater für mich immer Autorität und Beschützer war – und das wollte ich immer und unbedingt auch für meine Söhne sein.

Wenn ich ihn als Kind nicht an meiner Seite gehabt hätte, wenn es mir schlecht ging, wenn es in der Schule nicht klappte, wenn ich eine Dummheit begangen hatte, wenn ich Unrecht und Gemeinheit erleben musste, wie hätte ich allein zu der Überzeugung kommen können, dass das Leben trotzdem schön ist und das Gute siegt? Ein Vater, der nicht Geborgenheit mit Autorität vermittelte, wäre ein Fahnenflüchtiger, der seine Kinder im Lebenskampf allein lässt.

Es kommt im Leben der Familie der Moment, an dem die Eltern die Hilfe ihrer Kinder brauchen, zum Beispiel wenn sie krank werden oder im Alter nicht mehr alles allein schaffen. Sehr viel früher aber kommt es schon dazu, dass die erwachsenen Kinder ihren Eltern nicht nur durch praktische Mithilfe, sondern auch mit Ratschlägen und genuinen eigenen Erfahrungen freundschaftlich beistehen.

Das schadet weder dem Selbstbewusstsein der Eltern, noch ihrer Autorität. Eltern bleiben immer Eltern, und ihre Lebenserfahrung (besonders die mit ihren Kindern) ist gewissermaßen ein bleibendes „Alleinstellungsmerkmal“. Aber es gibt auch eine unbefangene und zugleich respektvolle Art der Freundschaft der erwachsenen Kinder mit ihren Eltern. Und ich kenne kein schöneres Zeugnis für einen Vater, dass er offenbar etwas „richtig gemacht“ hat, als wenn eine solche Freundschaft entsteht.

Die Eins vor dem Komma

Mit kühlem Kopf und kaltem Herzen betrachtet ließe sich sicher das meiste von dem Gesagten auf eine Art in Frage stellen, dass am Ende nur Banales übrig bliebe, blasse Lebensweisheiten, deren Mehrwert für eine Gesellschaft mit vorgeblich pluralen „Lebensentwürfen“ und polyvalenten „Beziehungskonstellationen“ gegen Null tendiert. Also alles Quatsch, Null und Nichtig…?

In der berechnenden Art und Weise unseres heutigen Umgangs mit Ehe und Familie, Kindheit und Leben mag das so erscheinen. Aber es gibt da noch etwas, das aus Alltäglichem Wesentliches macht und aus Wunschdenken Zuversicht: Der gemeinsame christliche Glaube und das daraus erwachsende Vertrauen, nicht etwas „machen“ zu müssen, was eigentlich nicht „machbar“ ist. Ohne Gottvertrauen wäre Selbstvertrauen vermessen. Dieses Wissen und diesen Glauben mit meinen Söhnen zu teilen, war daher mindestens so wichtig wie alles andere und sicher wichtiger als pädagogische Konzepte.

Ein weiser Mann und großer Heiliger unserer Zeit hat einmal gesagt, dass zwar Vieles von dem, was wir täglich tun letztlich ohne wirklichen Wert, also „Null“ sein möge, dass aber Gott vor all diese Nullen eine Eins schreibe, wodurch das Ganze auf einmal einen gewaltigen Wert annehme. Was für eine schöne und weise Metapher! Aber selbst wenn ich nur hoffen dürfte, dass vor all die Nullen meiner Bilanz als Vater und Erzieher zumindest eine Eins mit einem Komma gesetzt würde, dann könnte ich schon ruhig und zufrieden sein.