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Ich sitze im Park, mein Lehrbuch über Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie auf den Knien. Mein großer Sohn kniet ein paar Meter entfernt von mir auf dem Boden und vermisst ein überdimensional großes Ahornblatt. Neben ihm liegt der Block mit seinen Aufzeichnungen. Gestern hat er in einem anderen Park eine Marienkäferpuppe entdeckt. Etwas, das mir in den 37 Jahren meines Lebens bisher noch nie aufgefallen war. 

Ich weiß nicht mehr, was genau mich dazu bewog, ihm das Buch über die Humboldt Brüder zu bestellen. Es war jedenfalls eine meiner wirklich guten Ideen in den letzten Wochen. Nach knapp vier Stunden Schlaf kämpfe ich heute sehr mit mir. 

Gestern Abend habe ich endlich mal wieder meine Herzensoma angerufen. Blutsverwandt sind wir nicht, aber das macht keinen Unterschied. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Zu lange habe ich mich – abgesehen von einer Karte – nicht gemeldet.Oft ist mir einfach nicht mehr nach Sprechen gerade. Gefühlt rede ich sowieso den ganzen Tag oder höre zu.

Manchmal wie ein Elternautomat und nur „pädagogisch wertvoll“, manchmal erkenne ich mich sogar selbst wieder. Das Telefonat dauerte zwei Stunden. Im Hintergrund hörte ich ihren Mann oft stöhnen und husten. Beide sind Ende 80. Sie können die Wohnung auch ohne Corona im Grunde nicht mehr verlassen.

Alles ist beschwerlich geworden. Regelmäßig werden Krankenhausaufenthalte erforderlich.“Man muss ja weitermachen“, sagt sie. Als wir aufgelegt haben, beginnen meine Gedanken zu kreisen. „Was bleibt?“, fragte eine Freundin neulich. Sie liest gerade ein yogisches Buch über den Tod.

Ich hatte mal viele Antworten auf diese Frage. Jetzt fällt mir nur eine Gegenfrage ein: „Muss eigentlich etwas bleiben?“ Ich denke an Fritz Künkel’s Buch „Einführung in die Charakterkunde“. Seine darin getroffene Unterscheidung zwischen Ichhaftigkeit und Sachlichkeit. Vielleicht könnte die Frage auch lauten: In den Dienst an welcher Sache möchte ich mein Leben stellen? Auch, weil es vielleicht die „Sachen“/Ideen/Werte sind, die alles überdauern, die ewig sind?

Einzig die Ideen überdauern, soll Wilhelm von Humboldt gesagt haben. Und vielleicht die Liebe? Enrico spaziert an uns vorbei und wird sogleich von zwei heranstürmenden Windelkönigen zurück in den Teich gejagt. Ich gucke unauffällig zu ihren Eltern.

Mit seinen bald 8 Jahren fällt mein Sohn hier ziemlich aus dem Altersrahmen. Wo die anderen Schulkinder wohl sind, deren Unterricht – so er überhaupt an manchen Tagen stattfindet – derzeit um 10:00 Uhr endet? „Der Arme!“ Mein Sohn hat die Szene mit den Windelkönigen auch beobachtet und blickt mitfühlend hinter Enrico her. Enrico ist kein Baby mehr. Eher ein Jugendlicher, denken wir. Gestern hat mein Sohn ihm so viele Beeren vom Baum zugeworfen, dass wir Sorge bekamen als er sich plötzlich dick aufgeplustert an den Teichrand setzte. 

„Vielleicht verdaut er oder er hat Blähungen?“ „Bestimmt“, nickte ich. Es wird Zeit nach Hause zu gehen. Diese Woche ist der Kleine erstmals wieder für vier Stunden in der Kita. Ich muss schnell kochen bevor ich ihn abhole. 

Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich im Park sitzen durfte, während mein Mann im Erdgeschoss-Homeoffice eingedunkelt vor seinem Laptop steht. Ein bisschen habe ich auch ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht sicher bin, wie viel ich wirklich aufgenommen habe von den heute bearbeiteten Seiten. 

Und weil der Kleine mit seinen 5 Jahren ja auf jeden Fall auch noch auf seine Exklusivzeit kommen sollte, später. Der Zustand der Wohnung leidet unter den täglichen Parkepisoden. Von den sich türmenden Wäschebergen ganz zu schweigen… 

Aber einen großen, tobewilligen Jungen den ganzen Tag in einer Wohnung mit „Vorgärtchen“ festsetzen oder vor endlosen Hörspielen bunkern? Das funktioniert für mich einfach nicht. Es gilt also, die grünen Oasen der Großstadt von ihm erforschen zu lassen oder die Naturschutzgebiete gleich hinterm Stadtrand zu entdecken und nebenbei … immerhin ein bisschen in die Bücher zu gucken. 

Gott sei Dank habe ich Ende letzten Jahres dann doch noch einen Traum von Kita gefunden, so dass ich den Kleinen dort bei liebevollen, zugewandten Menschen in seelenvoller Umgebung gut aufgehoben weiß. Nach einem schnellen Mittagessen geht heute mein Mann zur Kita. Gott sei Dank. Etwas Licht für ihn und ein paar Minuten Arbeitszeit für mich bis ich in einer halben Stunde mein wöchentliches Telefonat habe. 

Er brauche noch 5 Minuten, schreibt mein Lehrer mir kurz vor unserem Termin. Erleichtert lege ich mich aufs Sofa und schlafe fast ein. „Sie wissen, dass die Medaille eigentlich drei Seiten hat?“ , fragt mein Lehrer wenig später am Telefon. Natürlich. 

Wen überraschen solche Informationen mittlerweile noch…? „Wir wollen die Klienten unterstützen, ihren Blick wieder aus den Schwarz-Weiß-Sichtweisen zu heben, in denen sie sich manchmal verfangen haben. „Ich schreibe alles mit. Dass die Autonomie des und der Respekt vor den Lösungen des Klienten uns über alles geht, dass wir nicht lange oder nicht genau genug hingeguckt haben, wenn wir noch nichts gefunden haben, was wir wirklich bewundernswert am anderen finden, etc…

Langsam werde ich wieder wacher. Ja, so möchte ich die Welt und meine Mitmenschen betrachten. Ich erzähle ihm von einem ersten Übungsgespräch, das ich mit einer Bekannten geführt habe. Was gut lief und wo ich hängen geblieben bin. Er ist zufrieden. Ich – den Umständen entsprechend – auch. 

Steve de Shazer’s und Insoo Kim Berg’s Lösungsfokussierte Methode navigiert mich durch die Coronazeit. Oft denke ich auch an Viktor Frankl und seine Logotherapie und Existenzanalyse. Dem Leben einen Sinn verleihen, über sich hinauswachsen. Möglichst jeden Tag ein bisschen, würde ich gern schaffen. Klappt das? 

Mal mehr, mal weniger … Die Kinder streiten. Es ist Zeit fürs Abendessen. Ich habe vergessen, rechtzeitig zu überlegen, was es geben soll. Brot ist keines mehr da. Backen dauert zu lange. Ich mag keine Pläne. Aber sie können durchaus helfen. Das merke ich auch in dieser Zeit immer wieder. Morgen mache ich einen Essens – und einen Putzplan! Ganz bestimmt!