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Es gibt also unglückliche Ehen, das ist ein offenes Geheimnis. Aber es gibt auch sehr viele glückliche Ehen. Ob wir nun in der einen oder anderen Situation leben, als Christen haben wir immer ein Mittel, das uns ermöglicht, dem Partner sehr wirksam zu helfen. Manche Ehepaare haben es nach langen Jahren neu entdeckt. Ich meine das Gebet füreinander.

Füreinander beten

Im Gebet begegne ich vor allem Gott; aber ich begegne in besonderer Weise auch den anderen Menschen. Wenn ich für einen anderen bete, dann sehe ich ihn mit neuen Augen, nicht mehr von meinem Ärger oder meiner Enttäuschung, sondern von Gott her. So kann ich wieder Hoffnung schöpfen. Ich lasse meine Vorurteile los und spüre Wohlwollen gegenüber dem anderen. Ich möchte ihm gerechter werden, und oft fällt mir gerade im Gebet ein, was ich ihm sagen oder für ihn tun kann.

Beten heißt zuerst, das eigene Herz zu läutern, damit andere tatsächlich Platz darin haben. „Wie kann ich irgend jemand in mein Gebet hineinnehmen, wenn darin gar kein richtiger Platz für ihn ist, wo es frei und entspannt zugeht? Wenn ich immer noch voller Vorurteile, Eifersuchtsgedanken und zorniger Gefühle bin, wird jeder, der eintritt, verletzt werden.“ Wir müssen in unserem Inneren einen Raum für die anderen schaffen. Wir müssen ihnen in unserem Herzen einen gastlichen Platz anbieten, an dem wir sie mit all ihren Ängsten und Schmerzen zu bergen vermögen.

Wenn wir das erreichen, dann wird es leichter sein, daß andere Vertrauen zu uns haben. Manchmal meinen wir, wir könnten unsere negativen Gefühle und Gedanken einfach überspielen; es komme nur darauf an, sich nach außen hin anständig zu verhalten. Und wir wundern uns, daß die anderen so mißtrauisch sind! Der Grund ist sehr einfach: Die anderen spüren normalerweise ganz genau, was in uns vorgeht. Sie merken, ob sie abgelehnt oder bejaht werden, und verhalten sich entsprechend. Hier sehen wir noch einmal, wie wichtig es ist, daß jeder bei sich selbst aufräumt, bevor er etwas von den anderen verlangt.

Schluss

Vielleicht gibt es die Liebe auf den ersten Blick, sicher aber nicht das Gelingen einer Ehe auf Anhieb. Die Ehe entfaltet sich in all den schönen und schweren Prozessen, die zur Begegnung zweier Menschen gehören, die so verschieden sind, wie eben nur zwei Originale verschieden sein können. Sie kennt harte Phasen und Durststrecken. Diese können als Auftrag verstanden werden, miteinander zu reifen, sei es auch über viele Irrwege hinweg. Gerade auch in den Schwierigkeiten haben zwei Menschen die Möglichkeit, immer tiefer zu erfassen, wozu die Liebe fähig macht – eine Liebe, die nicht mehr träumt, sondern sieht.

Gewiß, eheliche Liebe ist exklusiv, aber sie liebt im anderen die ganze Menschheit. Sie ist exklusiv nur in dem Sinne, daß man sich mit ganzer Intensität eben nur mit einem einzigen Menschen vereinigen kann. Doch wenn ich einen einzigen Menschen wirklich liebe, dann wird das Herz weit gemacht und ich wende mich auch vielen anderen zu.

Die fröhlichsten Eheleute sind wohl die, die sich gar nicht so sehr um das eigene Glück kümmern. Sie suchen nicht ständig den eigenen Vorteil, und sie verfolgen auch nicht das ebenso kleinkarierte Ziel, sich ins eigene, warme Nest einzuigeln. Im Gegenteil, sie wollen ihr Glück und ihre Liebe den anderen Menschen weitergeben – den eigenen Kindern, den Verwandten, Freunden, Nachbarn und Berufskollegen.

So ist die Ehe ein wahres Kunstwerk der Liebe

So ist die Ehe ein wahres Kunstwerk der Liebe – ein Kunstwerk, an dem Mann und Frau bauen, ändern, korrigieren und neu gestalten, ein ganzes Leben lang. Sie erfordert Einsatz und Mühen. Daran ermahnt uns der christliche Glaube, wenn er die eheliche Liebe mit der Hingabe Christi am Kreuz vergleicht. Er lehrt uns aber auch, daß gerade durch diese Hingabe Glück und Erlösung in die Welt kamen. Wenn wir gerufen sind, das Handeln Christi mit unseren geringen Kräften nachzuahmen, so ist das als Auszeichnung zu verstehen, nicht als Behinderung: Auch wir dürfen dazu beitragen, daß die Menschen um uns froher werden und ihr ewiges Ziel erreichen. Und wir können sicher sein: Was wir am Ende unseres Lebens in den Händen halten, das ist nicht unser Geld und auch nicht unser Erfolg. Was unsere wirkliche, ewig andauernde Existenz aufbaut, ist die Liebe, die wir gegeben und empfangen haben – sonst nichts.

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Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.