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Die Diskussion innerhalb der feministischen Bewegungen hat sich inzwischen radikal verändert. Das Ziel besteht nun nicht mehr darin, sich von männlicher Vorherrschaft zu emanzipieren oder von der Mutterschaft –zumindest von der Verantwortung der Mutterschaft– zu befreien. Nun geht es tatsächlich um die völlige Gleichartigkeit der Geschlechter.


Ablehnung der weiblichen und der männlichen Natur

Die extremsten Vertreter der Gender-Ideologie sind bestrebt, einen Cyborg herzustellen. Der Begriff Cyborg leitet sich vom englischen cybernetic organism (“kybernetischer Organismus”) ab und bezeichnet einen Menschen, der aus biologischen und künstlichen Teilen zusammengesetzt ist, also ein Mischwesen zwischen lebendigem Organismus und Maschine. Mit Hilfe moderner Technologien sollen dessen Fähigkeiten nun gestärkt, umgeformt oder vervielfältigt werden (12).

Es wird deutlich, dass die neuen Bestrebungen fast nichts mehr mit dem eigentlichen “Feminismus” zu tun haben, denn die gewünschte Befreiung betrifft nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Während viele Frauen sich weiterhin –mit neuer Heftigkeit– gegen Ehe und Mutterschaft wehren, berichten die Medien von den phantastischen Träumen einiger Männer, die es nicht scheuen, sich immer neuen chirurgischen Eingriffen zu unterziehen, um endlich einmal die Erfahrung des Gebärens machen zu können. (13) Von der Natur wird jedenfalls ganz abgesehen.

Nicht Sexualität, sondern Gender

Daher ziehen es viele vor, von Geschlecht (Gender) statt von Sexualität zu sprechen. Die nachfeministische Gender-Ideologie hat seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer größeren Einfluss gewonnen. Sie besagt, dass Männlichkeit und Weiblichkeit grundsätzlich nicht von der Sexualität (vom biologischen Geschlecht), sondern von der Kultur bestimmt seien. (14) Während der Begriff “Sexualität” sich auf die biologische Natur bezieht und zwei Möglichkeiten beinhaltet (Mann und Frau), bezeichnet der Begriff „Gender“ das soziale Geschlecht (in Orientierung an engl. gender zur Bezeichnung des grammatikalischen Geschlechts). Gemäß der Gender-Ideologie beziehen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau – abgesehen von offensichtlichen biologischen Fakten – nicht auf eine “vorgegebene” Natur, sondern sie seien lediglich Kulturerzeugnisse, “hervorgebracht” gemäß den Rollen und Stereotypen, die jede Gesellschaft dem jeweiligen Geschlecht zuordnet (“sozial konstruierte Rollen”).

Ähnliche Ideen sind in der Queer-Theorie zusammengefasst, die nordamerikanische Feministinnen wie Judith Butler (15), Jane Flax (16) oder auch Donna Hareway (17) mit Erfolg verbreiten. Der Name dieser Theorie stammt von dem englischen Adjektiv queer (= seltsam, sonderbar, leicht verrückt), das eine Zeitlang euphemistisch auf homosexuelle Menschen bezogen wurde. Die Queer-Theorie geht davon aus, dass alles, was mit der menschlichen Identität zu tun hat, Produkt eines sozialen und kulturellen Konstruktionsprozesses sei. Man könne die Individuen also nicht in “Männer”, “Frauen”, “Heterosexuelle” oder “Homosexuelle” einteilen; alle “sozialen Identitäten” seien gleich lernbar und gleich „sonderbar“.

Eine Menge Gender

Einige Gender-Ideologen treten für die Annahme von vier, fünf oder sechs Geschlechtern unterschiedlicher Art ein: männlich heterosexuell, weiblich heterosexuell, homosexuell, lesbisch, bisexuell und indifferent. Somit erscheinen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht mehr als die einzigen Möglichkeiten der menschlichen Geschlechtlichkeit (als “biologischer sexueller Dichotomie”). Folglich wäre jede sexuelle Praxis gerechtfertigt. (18) Die Heterosexualität – weit entfernt davon, als normal zu gelten – würde also nur noch eine der vielen Möglichkeiten sexueller Orientierung darstellen. Sie soll für die Fortpflanzung nicht einmal vorzuziehen sein. In “phantasievolleren” Gesellschaften, so wird betont, könne die Weitergabe des Lebens (die biologische Reproduktion) auch durch andere “Techniken” gesichert werden. (19) Und so wie die Gender-Identität sich immer wieder an neue und andere Bedingungen anpassen könne, stehe es jedem einzelnen frei, das Geschlecht (also den “Gendertyp”) zu wählen, wie es ihm je nach Situation und Lebensphase passe.

Um eine universale Akzeptanz dieser Ideen zu erreichen, versuchen die Vertreter des radikalen Feminismus einen Kulturwandel – die so genannte “De-konstruktion” der Gesellschaft – voranzutreiben, wobei sie mit der Familie und der Kindererziehung beginnen.(20) Sie bedienen sich einer vieldeutigen Sprache, um ihre neuen ethischen Vorschläge vernünftig klingen zu lassen. Das Ziel besteht darin, eine neue Welt auf willkürliche Weise zu “re-konstruieren”, die die menschlichen Beziehungen anders als bisher gestaltet und neben “männlich” und “weiblich” auch andere Geschlechtertypen anerkennt.

Die ideologischen Wurzeln

Diese Auffassungen haben in der individualistischen Anthropologie des radikalen Neoliberalismus ein günstiges Klima gefunden. Sie stützen sich einerseits auf verschiedene marxistische und strukturalistische Theorien (21), andererseits auf die Postulate einiger Repräsentanten der “sexuellen Revolution” wie Wilhelm Reich (1897-1957) und Herbert Marcuse (1898-1979), die dazu aufgerufen haben, mit allen möglichen sexuellen Praktiken zu experimentieren. Auch Virginia Woolf (1882-1941) wird mit ihrem Werk “Orlando” (1928) als Vorläuferin der Gender-Ideologie angesehen. Jener Roman handelt von einem jungen Adeligen aus dem 16. Jahrhundert, der in einer Zeitspanne von 350 Jahren – zunächst als Mann und dann als Frau – die unterschiedlichsten Liebesabenteuer erlebt und erleidet.

Noch direkter ist der Einfluss der schon erwähnten existentialistischen Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986), die bereits im Jahre 1949 ihren berühmten Aphorismus schuf: “Du wirst nicht als Frau geboren, du wirst zur Frau gemacht!” (22) Später ergänzte sie ihn dann mit der Behauptung: “Als Mann ist man nicht geboren, zum Mann wird man gemacht! Auch Mannsein ist keine von Anfang an gegebene Realität.” (23) Ebenso lassen sich die soziokulturellen Studien von Margaret Mead (1901-1978) in diesen geschichtlichen Prozess einordnen. Sie bestärkten den radikalen Feminismus, obwohl die wissenschaftliche Gültigkeit ihrer Beiträge von anderen Forschern in Frage gestellt wurde. (24)

Da die Gender-Ideologen die Neugier des Publikums gezielt anzuregen wussten, ist es nicht verwunderlich, dass die Medien bald begannen, in allen Einzelheiten über die absonderlichsten Geschehnisse zu informieren. So haben wir zum Beispiel erfahren, dass Roberta Klose, die man in den achtziger Jahren zur “schönsten Frau der Welt” gewählt hat, in Wirklichkeit als Luis Roberto Gambino Moreira in Brasilien geboren wurde. Und fast überall ist das synthetische Gesicht des transsexuellen Popstars Michael Jackson bekannt – ein Ergebnis zahlreicher Operationen! “My body is my art!” (“Mein Körper ist das Ergebnis meiner Kunst!”), so heißt das Motto. Der menschliche Körper wird zum Experimentierfeld degradiert. Aber – so muss man doch fragen – ist die Biologie wirklich nichts anderes als ein Ausdruck der Kultur?

Um zu verstehen, wie tief der Schaden reicht, den diese Theorien verursachen, werden wir zunächst den Sinn der Zweigeschlechtlichkeit in den Blick nehmen.
(Fortsetzung folgt)


Anmerkungen

(12) Manfred E. Clynes und Nathan S. Cline verwendeten den Begriff Cyborg, der aus der Raumfahrt stammt, 1960 zum ersten Mal. Heute gibt es immer mehr Bestrebungen, biologische und technische Elemente zu verbinden, um die Möglichkeiten des Menschen zu steigern. Einige Autoren heben hervor, dass die immer größere Abhängigkeit von der Technik uns alle schrittweise in Cyborgs verwandle. Menschen mit Herzschrittmachern, zum Beispiel, könnten durchaus als Cyborgs betrachtet werden, da sie unfähig sind, ohne technische Hilfe zu überleben.
(13) Einige Befürworter der Gender-Ideologie haben schon vor Jahren vorgeschlagen, die Geschlechtsrollen zu ändern, um die Fruchtbarkeit zu reduzieren: “In order to be effective in the long run, family planning programmes should not only focus on attempting to reduce fertility within existing gender roles, but rather on changing gender roles in order to reduce fertility.”Vgl. Gender Perspective in Family Planning Programs, erstellt von der DIVISION FOR THE ADVANCEMENT OF WOMEN FOR THE EXPERT GROUP MEETING ON FAMILY PLANNING, HEALTH AND FAMILY WELL-BEING, Bangalore (India), 26.-30. Oktober 1992; unter Mitarbeit des UNITED NATIONS POPULATIONS FUND (UNFPA).
(14) In den Sprachen, in denen man nicht –wie im Englischen– über zwei Wörter (sex – gender) verfügt, die sich inhaltlich klar voneinander unterscheiden, spricht man vom “biologischen Geschlecht” und vom “(psycho-)sozialen Geschlecht”. Im Deutschen benutzt man darüber hinaus die Wörter “Sexualität” und “Geschlecht” in diesem Zusammenhang immer öfter als direkte Übersetzung von sex und gender.
(15) Vgl. J. BUTLER, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York-London 1990.
(16) Vgl. J. FLAX, Thinking Fragments. Psychoanalysis, Feminism and Postmodernism in the Contemporary West, Berkeley 1990, S.32f.
(17) Vgl. D. HAREWAY, Un Manifiesto Cyborg: Ciencia, Tecnología, y Socialismo-Feminista en el Siglo Veinte Tardío, 1985; Primate Visions: Gender, Race and Nature in the Word of Modern Science, 1989; Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, 1991.
(18) Vgl. J. BUTLER: “Wenn man davon ausgeht, dass das Geschlecht eine von der Sexualität völlig unabhängige Konstruktion ist, wird es zu einem Kunstprodukt, frei von Fesseln. Folglich könnten Mann und männlich sowohl einen weiblichen als auch einen männlichen Körper bezeichnen; Frau und weiblich könnten ebenfalls sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Körper bezeichnen.” Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York–London 1990, S.6. Auch wenn dieses Buch in einigen extremen und noch radikaleren Kreisen kritisiert wird, da es sich nicht vollständig von der biologischen Dimension löst, kann es als eines der Hauptwerke über die Gender-Ideologie betrachtet werden.
(19) H. HARTMANN, The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism, Boston 1981, S.16. Wie viele andere, so sah auch diese Autorin zum Teil schon die völlige Trennung von Sexualität und Fortpflanzung, von Mutterschaft/Vaterschaft und Sohn- oder Tochtersein voraus, welche die heutige Technik möglich macht.
(20) Die Gender-Ideologie wird in vielen wichtigen internationalen Institutionen sehr geschätzt, unter denen sich nicht wenige Versammlungsbehörden der Vereinten Nationen befinden. Außerdem bemühen sich immer mehr Universitäten, den “Gender Studies” einen neuen wissenschaftlichen Rang zu geben.
(21) Friedrich ENGELS schuf die Basis für die Vereinigung von Marxismus und Feminismus. Vgl. The Origin of the Family, Property and the State, New York 1972. (Original deutsch: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884).
(22) S. DE BEAUVOIR, Das andere Geschlecht, S.285.
(23) DIES., Alles in Allem, S.455.
(24) Vgl. M. MEAD, Male and Female. A Study of the Sexes in a Changing Word, New York 1949. G. SOLÉ ROMEO, Historia del feminismo. Siglos XIX y XX, Pamplona 1995, S.50-53.

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Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.