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Die hier vorgetragenen Gedanken orientieren sich an einem Vortrag über Ehe und Familie von Dr. Arturo Cattaneo, einem Theologen aus der Schweiz, und an seinem Buch Das Abenteuer der Liebe: Ehevorbereitung mit Papst Franziskus 2019, in dem er zwei Dekaloge vorstellt: 

  1. Der Dekalog des guten Streiters
  2. Der Dekalog des guten Zuhörers

Aus vielen Gesprächen mit befreundeten Ehepaaren und Eltern stelle ich immer wieder fest, dass es mehr oder weniger immer dieselben Konflikte sind, die die Eheleute im Zusammenleben miteinander durchmachen und die fast immer mit einer mangelhaften oder wenig reflektierten Kommunikation zu tun haben. Daher soll hier aus der Praxis veranschaulicht werden, was für eine gute Kommunikation förderlich ist:

Der Dekalog des guten Streiters

  1. Einer Diskussion nicht ausweichen bzw. sie nicht abbrechen, indem man sich zurückzieht.
  2. Bereit sein, Mängel und Fehler einzugestehen. Das ist ein Zeichen von Großherzigkeit.
  3. Merkt man, etwas gesagt zu haben, das nicht objektiv oder sogar ungerecht war, soll man es sofort und ehrlich zurücknehmen.
  4. Keine groben Verletzungen, kein verächtliches Verhalten.
  5. Die schlechte Laune nicht auf den anderen projizieren.
  6. Nicht dem anderen seine Fehlerhaftigkeit vor Augen führen, indem man ihm immer wieder längst vergangene Dinge vorwirft.
  7. Bei einem Zornesausbruch des anderen denken: vielleicht will er sich einfach einmal mit mir aussprechen.
  8. Den anderen aussprechen lassen. Ist der andere aufgeregt, wird ihm allein das schon helfen, wieder ruhiger zu werden.
  9. Die eigene Meinung klar darlegen, und wenn möglich mit ein bisschen Humor – aber ohne Ironie.
  10. Auch die heftigsten Diskussionen sollen mit einer Geste der Wiederversöhnung enden. So werden auch die Streitigkeiten ein Teil des fruchtbaren Bodens sein, auf dem die eheliche Liebe wächst. Wenn unglücklicherweise eines der Kinder dem Streit beigewohnt hat, ist es gut, wenn es auch bei der Versöhnung mit dabei ist.

Einer Diskussion nicht ausweichen, bzw. sie nicht abbrechen, indem man sich zurückzieht.

Der typische Kontext für so eine Situation ist sicherlich ein handfester Streit, der eskaliert, bis irgendwann einer wütend den Raum verlässt, weil er/sie nicht mehr streiten kann oder will und damit einen ungeklärten Konflikt und einen ebenso wütenden Partner zurücklässt. Der Streit ist damit aber nicht beendet, sondern er wird weiterschwelen. 

Aber wie kann man erreichen, dass die Diskussion nicht abbricht bzw. vorher gar nicht so eskaliert? Dies werden die weiteren Punkte des Dekalogs im Einzelnen näher erklären. Wichtig ist hier jedoch festzuhalten, dass es keine Lösung ist, einem Streit „physisch“ aus dem Weg zu gehen.

Etwas Anderes ist es, wenn ein Diskussionspartner in einem Streit ankündigt, eine Pause zu benötigen und dann den Raum verlässt, nicht ohne zu sagen, wann er zurückkommen wird. Manchmal ist es klug, etwas Zeit vergehen zu lassen, bis sich die Gemüter wieder etwas beruhigt haben. Frische Luft schnappen, durchatmen, in Ruhe nachdenken! Es braucht manchmal Zeit, um eigene Geduldsreserven wieder zu füllen, um dann sachlich weiter diskutieren zu können.

Es gibt aber aus meiner Sicht noch eine viel subtilere Form des Rückzugs, der eine Diskussion gar nicht erst richtig aufkommen lässt. Diese Form ist aber nicht weniger brisant, da sie dazu neigt, später, aber dann um so heftiger zu explodieren. 

Ein Beispiel aus dem Alltag

Zuhause ist dicke Luft. Sie (die Ehefrau und Mutter) ist verärgert. Wieder haben es einige Familienmitglieder nicht für nötig gehalten, mal eben das benutzte Geschirr die 2 Meter bis zur Spülmaschine zu tragen und einzuräumen; sie hat schlecht geschlafen und Kopfschmerzen haben sie heute sehr früh geweckt. Als sie dann noch über die achtlos in den Weg gestellte Sporttasche im Flur stolpert, ist ihre Geduld am Ende!

Aber: rummeckern nützt ja nichts. Es ist ja sowieso nie jemand gewesen! Also Augen zu und durch. Gestik und Mimik verraten den geübten Familienmitgliedern beim Mittagessen jedoch gleich, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Was tun?

Die Kinder beschließen, dass sie nach dem Mittagessen auf alle Fälle sofort noch alle Hausaufgaben dieser Woche machen müssen und sind schnell weg.

Der Ehemann bleibt konzentriert und ruhig ganz bei sich. Bloß nicht die Ehefrau ansprechen, denn dann könnte sie vollends explodieren und am Ende ist er noch schuld daran. Also besser Augen zu und durch, nichts sehen, nichts hören und vor allem: nichts sagen!

Vielleicht kennt der ein oder andere so eine Situation von sich selbst. Ist das Verhalten der Personen in unserem Beispiel hilfreich? Wird sich die Ehefrau bzw. Mutter am Abend besser fühlen? Eher nicht.

Jemanden nicht anzusprechen, wenn man sieht, dass es ihm nicht gut geht, ist eine Form, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Denn tatsächlich: man könnte selbst Teil des Problems sein! 

Selber aber alles in sich hineinzufressen, ohne angemessen zu äußern, was einen stört, ist ebenso ein Rückzug oder viel mehr eine passive aber aggressive Reaktion auf einen Missstand, die letztlich auf Liebesentzug basiert; dieser ist jedoch eine der schlimmsten Formen der Bestrafung!

Anregungen zur Lösung der Situation

  1. Wenn der Streit „schon auf dem Tisch ist“, ist es wichtig, dem Streit nicht zu entfliehen, denn jeder Konflikt birgt auch immer große Chancen für beide Ehepartner, einander und sich selbst besser kennenzulernen. Ein plötzlicher Abbruch hinterlässt in der Regel neue „Wunden“.
  2. Wenn der Konflikt zwar „in der Luft liegt“, aber noch nicht offen besprochen wird, ist es besser, diese Stimmung anzusprechen. Das gilt für alle beteiligten Parteien. Derjenige, der das Problem hat und es ansprechen möchte, sollte sich überlegen, welches seiner Bedürfnisse in dieser Angelegenheit zu kurz gekommen ist. In unserem Beispiel von oben könnte das Bedürfnis der Mutter nach Ordnung und Mithilfe von Seiten der anderen nicht befriedigt worden sein. Vielleicht brauchte sie auch einfach etwas „Mitleid“ für ihre Kopfschmerzen und den Schlafmangel.

    Es ist immer gut, das vorher mit zu überlegen, denn oft geht es nicht um die Tasche im Flur oder andere Kleinigkeiten. Hier beginnt die Selbsterkenntnis: Was brauche ich, um ausgeglichen zu sein? Um Ruhe zu finden? Um für meine Familie da sein zu können? Das ist es auch, was die anderen Familienmitglieder lernen können, wenn gut über Probleme diskutiert wird. Auf diese Art und Weise kommt man vom „Du hast die Tasche rumfliegen lassen!“ zu „Ich bin heute über die Tasche gefallen und bitte dich, das nächste Mal wieder mehr auf Ordnung zu achten.“ Von der „DU“- zur „ICH“-Botschaft!
  3. Wenn man merkt, dass ein anderer ein Problem hat, dann zeugt es von Stärke, dies ansprechen zu können; für den anderen da sein zu können. Vielleicht hat es etwas mit einem selbst zu tun, vielleicht braucht der andere aber auch einfach nur mal ein tröstendes Wort, jemanden, der einem zuhört und in den Arm nimmt. Und wenn es etwas mit einem selbst zu tun hat, kann man auch davon lernen und besser werden.

Dazu ist sicher dieser erste Punkt auch nur ein erster Schritt: nicht weggehen. Viele weitere Punkte sind notwendig, damit ein Konflikt am Ende fruchtbar werden kann.

(wird fortgesetzt)