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(Foto: Netflix)

Filmische Qualität:   5 / 5
Regie:(Creator): Jed Mercurio
Darsteller:Richard Madden, Keeley Hawes, Sophie Rundle, Vincent Franklin, Ash Tandon, Gina McKee, Pippa Haywood, Stuart Bowman, Richard Riddell, Paul Ready, Nicholas Gleaves
Land, Jahr:Großbritannien 2018
Laufzeit:350 Minuten
Genre:
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:Gewalttätige Szenen – explizite sexuelle Szenen
im Kino:11/2018

Britische und insbesondere US-amerikanische Kinofilme spielen gerne im Schaltzentrum der Macht. Filmliebhaber kennen wohl jeden Winkel im „Oval Office“, so oft wurde das Büro des US-Präsidenten im westlichen Flügel des Weißen Hauses in Spielfilmen und Online-Serien nachgebaut.

Besonders interessant sind dabei die Spielfilme, die nicht aus der Sicht des jeweiligen Film-Präsidenten, sondern aus der Perspektive einer ihm nahestehenden Person erzählen, so etwa „Thirteen Days“ (Roger Donaldson, 2000), der John F. Kennedys Politikberater Kenneth O´Donnell (Kevin Costner) in den Mittelpunkt stellt.

Eine besondere Stellung nehmen dabei Spielfilme ein, die aus der Warte von Personenschützern des Präsidenten auf das politische Geschehen schauen. Die Mischung aus persönlicher Nähe und institutionellem Abstand erlaubt eine spannende Sicht auf das angesprochene Schaltzentrum der Macht, so etwa in „8 Blickwinkel“ (Pete Travis, 2008) und insbesondere auch in Wolfgang Petersens „In the Line of Fire“ (1993) mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.

In dieses Subgenre reiht sich nun die aktuelle „Netflix“-Serie „Bodyguard“ ein, deren Hauptfigur der Personenschützer der britischen Innenministerin ist. Die von Ende August bis Mitte September zunächst von der BBC ausgestrahlten Agentenserie wurde in ihrem Heimatland zur erfolgreichsten britischen Fernsehproduktion der letzten zwanzig Jahre.

Im Gegensatz zu den meisten heutigen Serien, die sich für Figurenzeichnung und die Einführung der unterschiedlichen Handlungsstränge Zeit lassen, wirft die sechsteilige Serie den Zuschauer unmittelbar und rasant ins Geschehen: In den ersten zwanzig Minuten erzählt „Bodyguard“, wie der privat mit seinen Kindern in einem Nahverkehrszug auf dem Weg nach London fahrende David Budd (Richard Madden) ein Selbstmordattentat verhindert.

Dem von Anfang an auf seine Umgebung sehr aufmerksam schauende Sergeant fällt ein Mann nahöstlicher Herkunft auf, der sich ziemlich eigenartig benimmt. Budd erfährt, dass für die Strecke eine Terrorwarnung herausgegeben wurde. Auf einer Toilette trifft er auf Nadia (Anjli Mohindra), die einen Sprengstoffgürtel trägt. David gelingt es, Nadia zur Aufgabe zu bewegen, und gleichzeitig zu verhindern, dass die Polizei die junge Frau erschießt. Daraufhin wird David Budd zum neuen Personenschützer von Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) bestellt.

Erst dann wird der Hintergrund des neuen Personenschützers beleuchtet: Aus Afghanistan kehrte der Veteran nicht nur mit Narben, sondern auch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurück. Wohl deshalb kam es zu einer Trennung von seiner Frau Vicky (Sophie Rundle), die er allerdings nicht als endgültig ansieht.

Innenministerin Montague wiederum wird als Hardlinerin gezeichnet, die zur Eindämmung der immer größer werdenden Terrorismusbedrohung unbedingt ein neues Überwachungsgesetz „RIPA 18“ („Regulation of Investigatory Powers Act“) durchsetzen möchte. Dies zieht nicht nur wütende Proteste in der Bevölkerung nach sich. Auch in den eigenen Reihen formiert sich Widerstand gegen die geplanten Reformen.

Eine besondere Reibungsfläche für David Budd: Montague stimmte in der Vergangenheit gerade für solche Auslandseinsätze der britischen Armee, an denen er selbst beteiligt war. Damit ist er aber zwischen seiner Pflicht und seinen Überzeugungen hin- und hergerissen. Noch radikaler ist in dieser Beziehung etwa ein ehemaliger Kriegskamerad, der sogar damit droht, solche Politiker zu erschießen.

Obwohl die Regisseure Thomas Vincent und John Strickland die Actionszenen teilweise spektakulär inszenieren, setzt „Bodyguard“ eher in anderen Bereichen Akzente, so etwa in der Darstellung einer multiethnischen britischen Polizei und Politik. Auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in der Besetzung von Entscheidungspositionen wird paritätisch gezeichnet. Und die Serie geht sogar noch einen Schritt weiter: die Frau, die Innenministerin, ist der bestimmende Faktor. Sie entscheidet selbstverständlich, wem sie einen Korb gibt, und mit wem sie eine Affäre beginnt. Allerdings dient dies dramaturgisch der offen gelassenen Frage, ob eine solche Liebelei ebenfalls Machtausübung ist, ob sie lediglich ihren privaten oder auch ihren politischen Zwecken nutzt.

„Bodyguard“ verknüpft die Bedrohung durch differenziert gezeichnete Islamisten mit den politischen Kämpfen, die ebenfalls mit harten Bandagen ausgefochten werden. Wenn dazu noch die organisierte Kriminalität hinzukommt, entsteht dadurch ein Gesellschaftsbild, bei dem die Aufteilung nach Gut und Böse nicht gerade einfach ist. Die Netflix-Serie spricht die Widersprüche einer westlichen Politik an, die mit undurchschaubaren Zielsetzungen Soldaten in Kriegsgebiete schickt, die traumatisiert zurückkehren. Die eigentliche Frage aber, die „Bodyguard“ stellt, ist die sehr aktuelle Alternative „Sicherheit gegen Freiheit“. Das von Innenministerin Julia Montague angestrebte und von dessen Gegnern als „Freibrief für Schnüffler“ apostrophierte Gesetz „RIPA 18“ verspricht eine größere Handhabe im Kampf gegen die Terrorismusbedrohung – freilich um den Preis, durch eine Ausweitung der Überwachung die bürgerlichen Freiheiten zu beschränken.

„Bodyguard“. Creator: Jed Mercurio. Sechs Folgen, insgesamt etwa 350 Minuten, auf Netflix.