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Allgemeines 

Kulturhoheit ist entsprechend der föderalistischen Struktur unseres Landes jeweils Sache. der 16 Bundesländer. Dazu gehört insbesondere die Zuständigkeit für das Schulwesen. 

Wer ist aber für die 140 Deutschen Schulen im Ausland zuständig, die verteilt auf 5 Kontinente und auf 72 Länder von rund 85.000 Schülerinnen und Schülern besucht werden? (Zur besseren Lesbarkeit wird im Folgetext auf geschlechterspezifische Verdopplungen verzichtet.) 

Für dieses „17. Bundesland“, wie die Zuständigkeit über das Auslandsschulwesen gern etwas salopp bezeichnet wird, ist die Fachaufsicht des Auswärtigen Amtes (AA) und in ihrem Auftrag die „Zentralstelle für das Auslandsschulwesen“ (Zf A) zuständig. Das Auslandsschulwesen ist ein zentrales Element der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik der Bundesrepublik. 

Die Fachaufsicht des AA betreut und fördert die Deutschen Auslandsschulen personell durch ca. 2000 aus Deutschland – unter Beteiligung aller Bundesländer- vermittelte Lehrkräfte und finanziell durch erhebliche Zuschüsse. Die Förderung hat die Zielsetzung, „kulturelle Grenzen zu überwinden, ein modernes, vielgestaltiges Bild unseres Landes zu vermitteln und die Deutschkenntnisse in anderen Ländern zu stärken. Die Schulen wenden sich weltweit an deutsche Familien, die sich beruflich im Ausland befinden … Sie stehen Angehörigen der Gastländer und anderer Kulturkreise offen … An den Deutschen Auslandsschulen können in Deutschland anerkannte Schulabschlüsse erworben werden… Private Trägervereine führen die Auslandsschulen eigenverantwortlich.“ (s. www.auswaertiges-amt.de) 

Die Deutsche Schule Madrid (DSM) als Beispiel 

Als konkretes Beispiel einer Deutschen Schule im Ausland soll hier die DSM stehen, die der Autor dieses Artikels auf Vorschlag der BRD und nach Auswahl durch den privaten Schulträger sechs Jahre leiten durfte. 

Die Schüler 

Die DSM ist eine spanisch-deutsch bilinguale Schule und mit 1700 Schülern die größte Deutsche Auslandsschule Europas. Rund ein Drittel der Schüler kommt aus Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern (wie Österreich, Schweiz …), deren Eltern beruflich in Madrid leben, z. B. Kinder der diplomatischen Vertretungen oder von Experten aus Firmen deutschsprachiger Länder. Als Hauptstadt ist Madrid Sitz vieler Botschaften, und alle großen Firmen sind hier vertreten. Ein weiteres Drittel kommt aus spanisch-deutschen und ein Drittel aus rein spanischen Familien. Insgesamt lernen Schüler aus mehr als 25 Nationen, darunter aus fast allen Ländern der EU, an der DSM. Die Schule versteht sich als „Begegnungsschule“, als ein Ort interkulturellen Dialogs, und es gelingt ihr sehr gut, Schüler unabhängig von ihrer nationalen und kulturellen Herkunft zu Toleranz und gegenseitigem Respekt zu erziehen mit dem Ziel, dass sie Freundschaften schließen und in einem Klima freundschaftlichen Miteinanders die Vielgestaltigkeit der EU als Vorteil und Chance begreifen. 

Die Schule nimmt auch immer wieder für ein oder zwei Semester Gastschüler in Ihre Reihen auf. 

Das gemeinsame Lernen in einer so geprägten Schüler- und Lehrerkonstellation weitet den Horizont der Schüler und öffnet ihren Blick für europäische und globale Fragestellungen. Die vertieften Sprachkenntnisse in Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch sind ein nicht zu überschätzender Gewinn für künftige Studien und das Berufsleben. Das wird belegt durch eine illustre Liste prominenter Absolventen der Schule. 

Die Schule ist gegliedert in 

  • den Kindergarten für 2 bis 5- Jährige 
  • die Grundschule für 1. bis 4. Schuljahr 
  • die Oberschule/Gymnasium für die Jahrgangsstufen 5 bis 12 

Zusätzlich ist ab Jahrgang 5· ein sogenannter E-Zweig eingerichtet für Kinder, die nicht über den schuleigenen Kindergarten und die Grundschule, sondern als Quereinsteiger aus spanischen Grundschulen aufgenommen werden. 

Sowohl die Aufnahme in den Kindergarten wie erst recht in den E-Zweig ist aufgrund der starken Nachfrage und der anspruchsvollen Eingangsvoraussetzungen alles andere als einfach. Dabei ist nicht so sehr das Schulgeld von vier- bis fünftausend Euro pro Jahr die besondere Schwelle, sondern das Maß der jeweils schon vorhandenen Deutschkenntnisse; denn die Schule ist vom Kindergarten bis zum Abitur bilingual. Die Bilingualität prägt den Schulalltag. Auf dem Pausenhof kann man mit Bewunderung beobachten, wie leicht die Kinder je nach Situation von einer Sprache in die andere wechseln. 

Wie kommen aber Kinder aus rein spanischen Familien schon im Alter von drei Jahren zu Grundkenntnissen in Deutsch? Vielfach haben die Familien für ihre Kleinen quasi von Geburt an deutsche Au-pair-Mädchen und geben ihre Kinder oft zusätzlich in eine Kita für Ein- bis Zweijährige, die Erzieherinnen aus Deutschland eingestellt haben. Der Aufwand ist erheblich, und der Stolz und die Freude sind entsprechend groß, wenn das Kind in die DSM aufgenommen ist. Das weitere Lernen erfolgt altersgemäß ohne jeden Druck. Es ist atemberaubend mit zu erleben, wie Kinder unter professioneller pädagogischer Anleitung im wörtlichen Sinne „spielend“ ihre Sprachkenntnisse erweitern. Lesen und Schreiben sind dabei erst Thema der Grundschule. Der Übergang in die Grundschule und anschließend in die Klasse 5 des Gymnasiums stellt dann keine besondere Hürde dar. 

Ganz anders und wesentlich schwieriger ist der Quereinstieg spanischer Kinder in den E-Zweig (Jahrgangsstufe 5). Hier liegt die Nachfrage (ca. 80) deutlich oberhalb der Aufnahmekapazität (maximal 25). Als notwendige Voraussetzung nehmen die Kinder parallel zum Unterricht der 4. Klasse ihrer spanischen Grundschule ein Jahr lang zweimal wöche.ntlich am Nachmittag an sogenannten „Cursillos“ (Deutschkursen) teil. Erst danach erfolgt mit Blick auf die erworbenen Deutschkenntnisse, die Gesamtentwicklung des Schülers und unter Berücksichtigung auch der Noten der spanischen Grundschule speziell in Mathematik und Spanisch die Aufnahmeentscheidung. Die etwa 50 bis 60 Kinder, die keine Aufnahme in den E-Zweig finden, werden – außerhalb der DSM – aber in Räumen der Schule in 5 bis 6 Jahren auf das Deutsche Sprachdiplom des Goethe-Instituts vorbereitet. 

Diese sorgfältige Schülerauswahl sowohl bei Aufnahme. in den Kindergarten wie auch in den E-Zweig hat zur Folge, dass ein späteres Scheitern auf der Schule eine seltene Ausnahme darstellt. 

Schüler und Eltern betrachten den Besuch der DSM als besondere Wertschätzung und als Auszeichnung. Sie identifizieren sich in hohem Maße mit der Schule. Die Schüler sind leicht motivierbar und sehr leistungsbereit. 

Das gute Lernklima wird gestützt von einem guten zwischenmenschlichen Klima, von gemeinsamen Freizeitaktivitäten und den vielen guten Freundschaften, die oft weit über die Schulzeit erhalten bleiben. 

Die Lehrkräfte 

Wie jede Privatschule legt die DSM nicht nur bei der Auswahl der Schüler, sondern erst recht bei der Auswahl der Lehrer besondere Maßstäbe an. Die DSM hat 140 Lehrer, dazu 10 Verwaltungsangestellte und etwa ebenso viele Haustechniker einschließlich Pförtner, Die Lehrerschaft besteht aus 105 qualifizierten „Ortskräften“ und 35 aus der Bundesrepublik entsandten ,,Auslandsdienstlehrkräften“ {ADLK). Die Unterrichtssprache ist Deutsch. Spanische Landeskunde {G.eschichte, Geographie, Sozialkunde) wird auf Spanisch unterrichtet. 

Die Ortskräfte sind vor allem Spanier, die meist neben einem Sachfach Germanistik studiert haben, oft selbst Schüler der DSM waren oder Deutsche, die z. B. mit spanischem Partner dauerhaft in Madrid leben. Darüber hinaus gehören auch Lehrkräfte britischer, französischer, schweizerischer, belgischer Nationalität dazu, so dass die Schüler im Laufe ihrer Schulzeit in allen an der Schule unterrichteten Sprachen auch Native Speaker zu Lehrern haben. 

Die Auslandsdienstlehrkräfte werden für eine begrenzte Zeit von meist 6 Jahren durch die Zf A entsendet. Für sie ist es eine höchst interessante pädagogische Herausforderung, an einer solchen Schule und in einer solchen Stadt zu arbeiten in einem Team von ausgewählten Kollegen aus unterschiedlichen Bundesländern, mit Ortskräften vor allem aus dem Gastland Spanien und mit leicht motivierbaren und lernbereiten Schülern. Entsprechend hoch sind auch die Erwartungen, die seitens der Schüler und auch der Elternschaft an Leistungs- und Einsatzbereitschaft der Lehrer gestellt wird. Es gilt als selbstverständlich, dass alle Lehrkräfte mit vollem Elan und schülerzugewandt ihr Bestes geben. Die individuelle Bildung und Erziehung der Schüler hat oberste Priorität. Dazu gehört ein qualifiziertes Zusatzangebot z. B. an Arbeitsgemeinschaften. So verfügt die Schule über einen Chor von ca. 120 Schülern, ein klassisches Orchester mit ca. 50 und eine Bigband mit ca. 25 Teilnehmern. Auch die regelmäßige Vorbereitung auf Wettbewerbe wie „Jugend musiziert“ und „Jugend forscht“, die als Regional- und Landeswettbewerbe oft an der DSM ausgetragen werden, gehört zu den „ungeschriebenen“ Verpflichtungen der Lehrer. Diese intensive pädagogische Arbeit ermöglichte es der Schule, z. B. den Festakt zu ihrer Hundert-Jahr-Feier im „Auditorio Nacional de Musica“, dem größten Konzertgebäude von Madrid, unter Beteiligung von Chor und Orchester mit 2000 Gästen durchzuführen. 

Auch wiederholte Auszeichnungen mit dem Gütesiegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule“ und kürzlich „Jugend-forscht-Schule 2018″ gehen auf diese besonderen Leistungen zurück. 

Es ist nicht verwunderlich, dass die Lehrer später im Rückblick ihre Jahre an der DSM als Höhepunkt ihrer gesamten Lehrtätigkeit betrachten. 

Das neue Schulgebäude 

Die Deutsche Schule Madrid ist im laufe ihrer langen Geschichte aufgrund der stetig wachsenden Schülerzahl mehrfach in größere Gebäude umgezogen. Im Jahr 2015 schließlich war wieder ein Neubau der Schule bezugsfertig. 

Auf einem Areal von 35000 Quadratmetern im Norden der Stadt ist ein einmalig gelungenes Gebäudeensemble entstanden zur großzügigen Unterbringung von Oberschule/Gymnasium, Grundschule und Kindergarten mit je eigenen Pausenhöfen, mit einer weiträumigen und hellen Mensa, einer Aula mit natürlichem Licht, mit Bibliotheken, Räumen für Musik, Kunst und Naturwissenschaften und großen Sportanlagen mit moderner Mehrzweckhalle. 

Bei der Eröffnungsfeier am 9. Oktober 2015 mit Außenminister Dr. Frank Walter Steinmeier und dem spanischen Bildungsminister D. lnigo Mendez de Vigo {ehemaliger Schüler der DSMwar die Aula mit vielen Gästen bis auf den letzten Platz besetzt. 

Auf dem „World Architecture Festval“ in Berlin 2016 wurde die Deutsche Schule Madrid zur „Schönsten Schule der Welt“ gekürt.