Worte des Auferstandenen
Papst Leo eröffnet seine Botschaft[1] mit der alt-ehrwürdigen Grußformel „der Friede sei mit Euch!“ Dieser Gruß wurde vom auferstandenen Christus zu uns und allen Menschen gesprochen, und dadurch ist er für alle Zeiten aus dem Alltagssprachlichen herausgehoben und von einer bloßen freundlichen Grußformel zu einer göttlichen Zusage geworden.
Dass der Text des Papstes gerade damit beginnt, ist keine Selbstverständlichkeit oder fromme Pflichtübung, sondern Voraussetzung alles Folgenden. Nur im Vertrauen auf die Zusage des Auferstandenen, die Wunsch und Wirklichkeit unserer Lebenswelt transzendiert, bleibt es nicht bei einem wohlwollenden Grußwort, auch nicht einfach bei einem eindringlichen Appell. Nur so lohnt sich in einer von Kriegen und Konflikten geplagten Welt ein solches päpstliches Wort überhaupt; nur so wird es performativ, bewirkt, was es besagt.
Wie Papstworte rezipiert werden
Das klingt nun vielleicht zu optimistisch, und viele Menschen werden den Gedanken als frommes Wunschdenken abtun, auch solche, die durchaus wohlmeinend sind und sich auf der Seite des Papstes sehen. Und man kann es ihnen nicht verdenken, denn auf päpstliche Friedensbotschaften gibt es üblicherweise drei typische Reaktionen:
Da sind die neutral-referierenden Stellungnahmen, die sich auf die Wiedergabe einiger Kernsätze beschränken und sich mit ein paar generischen Affirmationen begnügen.
Dann gibt es vereinnahmende, sich begeistert gebende Einlassungen, in denen sich gelegentlich sogar Widersacher, die sich in aktuellen Konflikten gegenüber stehen, jeweils der Worte des Papstes zu bemächtigen suchen. Natürlich sind dabei immer die Anderen daran schuld, dass es keinen Frieden gibt.
Und schließlich gibt es die relativierenden, abwiegelnden Reaktionen, die anhand geschickter Auswahl zitierter Passagen den Nachweis zu führen suchen, dass der Papst zwar dieses und jenes gefordert habe, was der eigenen Position offensichtlich widerspricht, warum das aber nur ordentlich eingeordnet werden müsse, wodurch sich dann jeder Widerspruch wie von selbst auflöse.
Den beiden letztgenannten Reaktionen ist gemein, dass sie die eigentliche Aussage zu ihren Gunsten umzudeuten versuchen; sie wollen sich bestätigt fühlen und ihre Hände in Unschuld waschen.
Was kann der Papst bewirken?
Nun ist Papst Leo ein weiser Mann mit viel Erfahrung, und natürlich war ihm das zu erwartende Spektrum von Reaktionen auf seine erste Botschaft zum Weltfriedenstag, die schon am 8. Dezember 2025 veröffentlicht wurde, wohl bewusst. Es war auch nicht das erste Mal, dass der Pontifex über den Frieden sprach. Im Herbst hatte er sich schon einmal bei anderer Gelegenheit dazu geäußert und auf seine Vorgänger Benedikt XV. und Pius XII. verwiesen, deren zum Frieden mahnende Worte vor dem Ersten bzw. Zweiten Weltkrieg wohl gehört, aber nicht beherzigt worden waren.
Wir dürfen also sicher davon ausgehen, dass Papst Leo ein vollkommen realistisches Bild davon hat, was seine Friedensbotschaft in der aktuellen Politik bewirken kann. Aber auch unabhängig von unmittelbaren politischen Auswirkungen, die immer möglich sind, hat sie vor allem eine spirituelle und pastorale Bedeutung, egal ob die Waffen danach schweigen oder nicht.
Der Geist des Friedens
Papst Leo definiert zu Beginn seiner Botschaft den Frieden nicht als theoretisches Konzept oder Plan, nicht als Idee oder Verhandlungsergebnis, sondern als lebendiges Wirken des Herrn; und das sogar in personifizierter Form: „Der Friede existiert, er will in uns wohnen, er hat die sanfte Kraft, den Verstand zu erleuchten und zu weiten, er widersteht der Gewalt und überwindet sie. Der Friede hat den Atem der Ewigkeit: Während man dem Bösen entgegenruft ‚Genug!‘, flüstert man dem Frieden zu: ‚Für immer‘“.
Der Papst bezieht sich mehrfach auf den Hl. Augustinus, der die Christen ermahnte, „eine unauflösliche Freundschaft mit dem Frieden zu schließen“. Das ist nun weder ein bloßer literarischer Topos, noch eine schwärmerische Übertreibung. Hier sehen wir vielmehr den Heiligen Geist am Werk. Sein Kommen wurde von Christus angekündigt und in seinem Wirken werden Christi Worte lebendig und wirksam: „meinen Frieden gebe ich Euch!“ Der Friede des auferstandenen Christus ist, so konkretisiert Leo XIV. seinen Gedankengang, gerade in scheinbar ausweglosen Situation den Menschen nahe; er gelangt „mittels der Stimmen und Gesichter seiner Zeugen auch weiterhin durch Türen und Hindernisse“.
Friede, inklusiv
Dabei spricht der Papst nicht nur zu gläubigen Katholiken, sondern wendet sich an alle Menschen guten Willens, wenn er sagt. „Ob wir nun über die Gabe des Glaubens verfügen oder ob uns scheint, dass wir sie nicht hätten, liebe Brüder und Schwestern, öffnen wir uns für den Frieden! Nehmen wir ihn an und erkennen wir ihn, statt ihn für fern und unmöglich zu halten.“ Und weiter: „Mehr als ein Ziel ist der Friede etwas gegenwärtiges und ein Weg“.
Damit banalisiert er den Gedanken keineswegs im Sinne eines „der Weg ist das Ziel“; vielmehr antizipiert der Papst die Mühen und das Scheitern so vieler Friedensbemühungen und stellt dem deshalb drohenden Pessimismus eine spirituelle Ermutigung entgegen: die Gegenwart des Friedens Christi in den Herzen der Menschen, eine Gabe, „die es uns ermöglicht, das Gute nicht zu vergessen, es als siegreich zu erkennen und uns erneut und gemeinsam dafür zu entscheiden.“
Friede, unbewaffnet
Nach der theologisch anspruchsvollen Einleitung wird Papst Leo im Mittelteil des Textes höchst konkret, bleibt in seiner Argumentation aber streng biblisch fundiert und bezieht sich auf Jesu Gewaltlosigkeit. Er analysiert sodann die Entstehung bellizistischen Denkens in der Gesellschaft und den unheiligen Mechanismus der Eskalation und des Rüstungswettlaufs. Zuerst eskaliert das Denken und Sprechen, dann das Verhalten der Menschen, bis schließlich Irrationalität sich durchsetzt und die Beziehungen zwischen Völkern regiert, „die nicht auf Recht, Gerechtigkeit und Vertrauen beruhen, sondern auf der Angst und der Herrschaft der Stärke“.
Unter Bezug auf das Konzilsdokument „Gaudium et Spes“[2] verweist Leo XIV. auch auf die Entgrenzung der Kriegführung durch technische Entwicklungen – ein Faktum, das in unserer Zeit völlig ungeahnte Dimensionen annimmt. In dieser Hinsicht war die Konstitution „Gaudium et spes“ wahrhaft prophetisch. Heute sehen wir uns einer ganz neuartigen Automatisierung des Krieges gegenüber, wenn Künstliche Intelligenz und programmierte Reaktionsabläufe das Kampfgeschehen zu dominieren drohen.
Angesichts der weltweit steigenden Militärausgaben und der Erosion regelbasierter Ordnungen mahnt der Papst dazu, den Dialog nicht aufzugeben und auch an der Kultur der Erinnerung festzuhalten, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges herausgebildet hatte, nun aber im Schwinden begriffen ist.
Friede, entwaffnend
Die übliche Sicht der Dinge wird in dem lateinischen Sprichwort zusammengefasst: „Si vis pacem, para bellum“[3]. Daraus spricht die alte Menschheitserfahrung, dass der Unvorbereitete, der Schwächere, leicht zum Opfer kriegerischer Aggression wird; der Wahrheitsgehalt dieses Spruches ist heute so sichtbar und aktuell wie schon lange nicht mehr. Und doch kann es nicht das letzte Wort sein.
Der Papst stellt nicht einen weltfremden radikalen Pazifismus dagegen, sondern zeigt sich voll auf der Höhe der Realpolitik unserer Zeit: „Gerechtigkeit und Menschenwürde sind heute mehr denn je den Machtungleichgewichten zwischen den Stärksten ausgesetzt“. Es stellt sich dann die Frage: „Wie kann man in einer Zeit der Destabilisierung und Konflikte leben und sich vom Bösen befreien?“ Die Antwort lautet: „Es ist nötig, alle geistlichen, kulturellen und politischen Initiativen zu fördern und zu unterstützen, die die Hoffnung am Leben erhalten, um so der Verbreitung ‚fatalistischer Einstellungen‘ entgegen zu wirken…“
Papst Leo nimmt ausdrücklich die Religionen in die Pflicht, die den Menschen „einen grundlegenden Dienst“ zu erweisen haben: beim Aufbau von Vertrauen, Vernunft und Friedensgesinnung. Deutlich verurteilt er jeden Missbrauch der Religion für Nationalismus und insbesondere die Blasphemie der religiösen Rechtfertigung von Gewalt. Auch der interreligiöse Dialog ist ein Gebot der Stunde: „Denn heute ist es mehr denn je nötig, durch aufmerksame und fruchtbare pastorale Kreativität zu zeigen, dass der Friede keine Utopie ist“.
Jenseits der Utopie
Jeder einzelne Mensch ist in die Pflicht genommen das Seine beizutragen und sich nicht mitreißen zu lassen von Tendenzen in Gesellschaft und Politik, die alles andere als friedensfördernd sind. So sind die Katholiken und überhaupt alle Menschen guten Willens aufgefordert, das ihre zu tun – Frieden zu schaffen in ihrem eigenen Umfeld, in Familie und Gesellschaft; Vertrauen und Bewusstsein aufzubauen und sich dafür auch zu engagieren. Und, so darf man hinzufügen, wenn dieser Appell Leos XIV. auf fruchtbaren Boden fällt, dann entsteht daraus eine gewaltige Friedensinitiative, keine politische, sondern eine spirituelle. Voraussetzung dafür ist es allein, den Frieden Christi anzunehmen. Mit den Worten des Hl. Augustinus gesagt: „Wenn ihr andere zum Frieden führen wollt, möget ihr ihn erst selbst in euch haben und in ihm gefestigt sein. Um andere zu entflammen, muss sein Licht in Euch brennen“[4].
[1]https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/messages/peace/documents/20251208-messaggio-pace.html
[2]Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 80.
[3]Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.
[4]Sermo 357, 3. Zitiert von Papst Leo XIV. in der genannten Botschaft zum Weltfriedenstag 2026.























