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Die Studie „Not am Mann“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kommt zu der Erkenntnis, dass Jungen im real existierenden Bildungssystem erheblich benachteiligt werden. Die Stärken der Jungen in ihrer Entwicklung werden zu wenig berücksichtigt, oder gar als unerwünscht bewertet, während die Schwächen voll zu ihren Ungunsten durchschlagen. Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Koedukation einen nicht geringen Anteil an dieser Situation hat. Im Sportunterricht wird das am deutlichsten.

Sportunterricht: Ein Spielfeld für Ideologen

In den meisten Bundesländern wurde das Fach Sport zu Beginn der 80iger Jahre systematisch „umerzogen“. Dimensionen wie Leistung, Wettkampf, Sieg, Niederlage wurden negativ belegt. Als Ersatz für den Verzicht auf den „traditionellen Sportunterricht“ wurde in den meisten Bundesländern zudem der „gemischte“ Sportunterricht eingeführt. 

Nur rudimentäre Fähigkeiten

Für die angehenden Sportlehrerinnen und Sportlehrer sind folgerichtig nur noch rudimentäre sportliche Fähigkeiten und Leistungen wichtig. Bedeutender sind Kenntnisse in Soziologie, Psychologie und – insbesondere – im Arrangement gruppendynamischer Prozesse. 

So kann es vorkommen, dass in den Lehrerseminaren endlos über Methoden der Gruppendynamik diskutiert – der Sprung über den Kasten aber nicht gewagt wird.

Neuorientierung der Lehrinhalte

Mit der Umpolung der Erziehungssziele (Toleranz, Miteinander, Spaß usw.) geschah in der Folge auch eine Neuorientierung der Lehrinhalte. So genannte Freizeitsportarten wie Jonglieren, Federballspielen, Windsurfen, Skaten usw. gewannen immens an Bedeutung. Motto: Fit for Fun – für Frau und Mann!

Koedukation im Sportunterricht

Die Koedukation hat sich für den Sportunterricht verheerend ausgewirkt. Von den sportwissenschaftlichen Gegebenheiten her gesehen ist sie sowieso: Wahnsinn. 

Die Entwicklung von Jungen und Mädchen ist so unterschiedlich, dass man zu einer gezielten sportlichen und grundsätzlichen körperlichen Förderung permanent nach Geschlechtern differenzieren müsste.

„Reflexive“ Koedukation

Da es den Sport-Ideologen aber nur um die Durchsetzung ihrer naturwidrigen Prinzipien geht, wird aus dem Sportunterricht eine Art Tanzkurs. Das Paradigma heißt „reflexive Koedukation“. Was das bedeutet erklärt uns der Lehrplan Sport des Landes Nordrhein-Westfalen:

Nicht nur wegen der sehr deutlich werdenden Entwicklungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, sondern auch wegen ihrer geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Zugangsweise zu Bewegung, Spiel und Sport muss reflexive Koedukation verstärkt stattfinden. Es gilt, Geschlechterhierarchien abzubauen, die Chancengleichheit der Geschlechter zu ermöglichen und den Mädchen und Jungen zu helfen, ihre Fähigkeiten ohne Benachteiligungen zu entwickeln.

Wettkampf verpöhnt

Was heißt das konkret? Dass die „klassischen“ Wettkampfspiele verpönt sind, weil die Jungen aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit dominieren – und nur wenig Mädchen sich ernsthaft beispielsweise für Fußball interessieren. 

Was also tun? Man kommt vom Gegeneinander zum Miteinander. „Miteinander Volleyball spielen“, „welche Mannschaften schaffen die meisten Ballwechsel über das Netz?“ Wieder NRW-Lehrplan:

Um das Miteinander der Mädchen und Jungen in einer Lerngruppe besonders zu fördern, könnte auch verstärkt auf Schlagballspiele, Korbball, Sportspiele aus anderen Kulturen oder aber Partnerrückschlagspiele zurückgegriffen werden. Mögliche Unterrichtsvorhaben sind: Vom Gegeneinander zum Miteinander, Regelstrukturen erkennen und gestalten am Beispiel Fußball.

Und dann heißt es: „Pädagogisch sinnvoll kann eine phasenweise Trennung nach Geschlechtern bei der traditionellen Form des Fußballspielens sein“. Damit es aber nicht zu einfach wird, gilt: „Das setzt Verständigungsprozesse in den jeweiligen Lerngruppen voraus“. 

Probleme für Jungen

Wer je einen „normalen“ Jungen im Alter von 12 oder 13 Jahren erlebt hat, weiß, dass ein solcher Zugang zum Sportunterricht für ihn eine regelrechte Vergewaltigung ist. Wenn die frustrierten und durch soviel Harmonie und Miteinander völlig verwirrten Jungs dann in der Pause ihren geknebelten Kräften freien Lauf lassen, werden sie als verhaltensauffällig, gewalttätig und dialogunfähig dem nächsten Schul-Psychiater zugeführt. Die Gendertheoretiker sehen das so:

Ringen und Kämpfen verhelfen zu einem Regel geleiteten gleich berechtigten Miteinander. Mädchen lernen, ihre (Körper)Grenzen zu behaupten und Jungen lernen, sich einfühlsamer zu verhalten und auf Überlegenheitsansprüche zu verzichten. Mädchen können erfahren, dass Kraft und Durchsetzungsvermögen durchaus zu ihrem Selbstbild passen und von Jungen akzeptiert werden.

Als Unterrichtsvorhaben wird dann „Würfe wagen und verantworten“ angegangen.

Umerziehung

Die kleinen Einblicke mögen genügen, um anzudeuten, wie ein Fach auf der Kochplatte von Ideologen verdunstet. Ein Fach, das für die Persönlichkeitsentwicklung von entscheidender Bedeutung ist, wird zu einem Vehikel für die Umerziehung von jungen Menschen zu „neuen Menschen“.

Opfer sind insbesondere die Jungen. Sie werden von ihrer eigentlichen, Natur gegebenen Ausstattung regelrecht entfremdet. Wenn wir in den letzten Jahren einen dramatischen Absturz der Schulleistung von Jungen feststellen müssen, liegt das sicher auch an dieser Art von Sportunterricht. 

Denn gerade hier könnten sie ihren Drang zur körperlichen Aktivität entfalten und ausleben. Stattdessen wird ihnen klar gemacht, dass sie aus Rücksicht vor den Mädchen mit „angezogener Handbremse“ agieren müssen. Dass sich die aufgestaute Energie dann in allen möglichen „Verhaltensauffälligkeiten“ Raum sucht, ist nicht verwunderlich.

Für eine Befreiung des Sportunterrichts

Der Sportunterricht muss endlich weg von der ideologischen und wieder hin zur pädagogischen Zielsetzung. Denn wie kaum ein anderes Schulfach ist er eine wichtige Plattform für die Persönlichkeitsentwicklung, eine Schule der „Grund-Tugenden“. Gewinnen, verlieren lernen (!), kämpfen, durchhalten, immer wieder etwas üben, zueinander stehen, riskieren, den Gegner respektieren, fair sein. Unvergleichliche Momente der Freude erleben, Enttäuschungen überwinden, Bescheidenheit lernen.

Der Sport ist gleichsam eine vereinfachte Lebenswelt, in der ganz wesentliche Einstellungen entstehen können. Davon profitieren alle anderen Fächer. Ein Kind, das seine körperlichen Energien in einem gut gestalteten Sportunterricht eingesetzt hat, wird in der Klasse viel weniger stören. Es wird mit Lernschwierigkeiten ganz anders umgehen, weil es weiß, dass man es mit Immer-wieder-probieren letztlich schaffen kann. Es wird ausdauernder an Problemen arbeiten können und zudem leichter mit anderen kooperieren.

Sportlehrer

Ein Wort zu den Sportlehrern. Oft werden sie im Kollegium nicht so ganz ernst genommen, zumindest, was die fachlichen Anforderungen angeht. Sport ist in der Regel kein versetzungsrelevantes Fach. Zudem sind nach PISA andere Fächer im Fokus der Bildungsplaner. 

Dabei stellt aber gerade der Sportunterricht ein Höchstmaß an Anforderungen an die Lehrperson. Sie muss nicht nur die körperliche Entwicklung in den einzelnen Lebensphasen der Kinder und Jugendlichen gut kennen, interessante sportliche Angebote arrangieren, diese so differenzieren, dass jeder Schüler damit zurecht kommt, sondern es geht auch immer darum, extrem personenbezogen erzieherisch zu wirken. 

Sportliches Können

Dazu – und das ist entscheidend – müssen Sportlehrer auch sportliches Können besitzen. Man kann sportliche Techniken nur dann vermitteln, wenn man sie selbst vorführen kann – oder konnte. Nur, wer eine „innere Bewegungsvorstellung“ besitzt, kann eine Bewegung vermitteln. Nicht zuletzt hängt das Prestige der Lehrer von ihrem sportlichen Niveau ab. 

Sportlehrerinnen und –lehrer sind geradezu prädestiniert ein enges Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufzubauen. Einen Menschen lernt man beim Sport besonders gut kennen – das ist das große Kapital des Sportunterrichts.