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Filmische Qualität:   3,5 / 5
Regie:Julian Fellowes
Darsteller:Edward Holcroft, Kevin Guthrie, Charlotte Hope, Craig Parkinson, James Harkness, Niamh Walsh, Gerard Kearns, Joncie Elmore, Sam Keeley, Daniel Ings, Kate Dickie, Henry Lloyd Hughes, Kate Phillips, Ben Batt, Sylvestra Le Touzel, Harry Michell, Anthony Andr
Land, Jahr:Großbritannien 2020
Laufzeit:280 Minuten
Genre:
Publikum:ab 6 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:4/2020

Der älteste Fußball-Wettbewerb der Welt, der FA Cup (Football Association Challenge Cup), wurde erstmals 1871/72 ausgetragen, und damit ganze 17 Jahre vor Beginn der englischen Fußball-Liga, die erst 1888/89 als „Football League“ gegründet wurde. Aus den Dutzenden Zuschauern, die damals die Spiele in England verfolgten, sind es Milliarden Fußballfans auf der ganzen Welt geworden.

Die britische Netflix-Serie „The English Game“, die Fans des runden Balls die Corona-bedingte Fußball-Abstinenz erträglicher machen kann, setzt allerdings nicht im Jahre 1871, sondern erst 1879 ein. Dafür hatte Drehbuchautor und Serienentwickler Julian Fellowes, der insbesondere als Drehbuchverfasser des Spielfilms „Gosford Park“ (2001) und der Serie „Downton Abbey“ (2010-2015) bekannt wurde, einen triftigen Grund. Denn in der erwähnten Saison spielten erstmals gegeneinander Arthur Kinnaird (Edward Holcroft) und Fergus Suter (Kevin Guthrie) — zwei Männer, die zwar gegensätzlicher kaum sein könnten, die aber die Entwicklung des Fußballs entscheidend beeinflusst haben. 

Die zwei antagonistischen Charaktere stehen denn auch im Mittelpunkt der sechsteiligen Netflix-Serie: Kinnaird „stand öfter als jeder andere Spieler im Finale des FA-Cups und gewann ihn dreimal“, heißt es auf einer Tafel zu Beginn. Arthur Kinnaird wurde 1890 FA-Präsident, und blieb es 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1923; Suter gilt als erster Fußball-Profi der Geschichte und Erfinder der Fußballtaktik.

Damit sind die zwei Handlungsstränge angesprochen, die „The English Game“ dramaturgisch miteinander verknüpft: Arthur Kinnaird, Sohn des 10. Lords Kinnaird und wie sein Vater Bankier in London, hält zusammen mit seinen Mannschaftskameraden aus dem traditionsbewussten und elitären Klub der Old Etonians Fußball ähnlich etwa Tennis für einen Sport der Oberschicht.

Der Baumwoll-Fabrikant aus dem nordenglischen Darwen James Walsh (Craig Parkinson) ist da anderer Meinung: Aus seinen Arbeitern hat er den Fußballclub Darwen FC geformt. Damit er mit den etablierten Vereinen mithalten kann, holt Walsh zwei schottische Spieler, Fergus Suter und Jimmy Love (James Harkness), die Darwen helfen sollen, als erster Verein aus einem Arbeitermilieu das Viertelfinale des FA-Pokals zu erreichen. Die erste Transfer in der Fußballgeschichte hat freilich einen Haken: Die beiden Spieler werden von Walsh bezahlt, was gegen die FA-Regeln verstößt. Sollte dies auffliegen, würde sich Darwen eine Sperre für den FA-Pokal einhandeln.

„The English Game“ verdeutlicht außerdem, wie Fergus Suter die Fußballtaktik „erfand“. Zwar bietet die Serie kaum Totalen der Spiele, aber aus den Bildern mitten aus dem Spiel geht deutlich hervor, dass der etwa von den Old Etonians gespielte Fußball einem „Schulhoffußball“ ähnelt: Die gesamte Mannschaft läuft gemeinsam mit dem Ball in Richtung gegnerisches Tor, und der Beste unter ihnen schießt einfach aufs Tor. Suter stellt dem ein Pass-Spiel entgegen, das sich auf die Verteilung der Mannschaft übers Spielfeld stützt. Was er „Pyramide“ nennt, ein 2-3-5, ging in die Fußballgeschichte als „Schottische Furche“ ein.

Über die eigentliche Fußballgeschichte hinaus handelt die Serie allerdings von den gesellschaftlichen Verhältnissen der englischen (und wohl auch der europäischen) Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um die großen sozialen Unterschiede zwischen den Spielern von Darwen und den Old Etonians festzustellen, reicht ein Blick auf den Ort, wo sie sich nach dem Spiel treffen: Die Arbeiter feiern bei Bier im Pub, die Oberschicht-Spieler bei einer festlich geschmückten Tafel beim Dinner in Abendgarderobe zusammen mit ihren herausgeputzten Gattinnen. Julian Fellowes kennt ja die Gepflogenheiten der Adelsfamilien aus seiner Arbeit an der Serie „Downton Abbey“.

Die Serienmacher verknüpfen mit der Haupthandlung um die Entwicklung des Fußballs jedoch weitere Erzähl-Nebenstränge: Zum jeweiligen Kernkonflikt von Kinnaird und Suter — aus unterschiedlichen Gründen überwerfen sie sich mit ihren jeweiligen Mannschaftskameraden — kommen die Familienkonflikte und das unterschiedliche Vater-Sohn-Verhältnis hinzu. Angerissen werden darüber hinaus die Aufstände der Baumwollarbeiter und erste Ansätze der Frauenbewegung. 

Auch wenn einige Figuren etwas holzschnittartig gezeichnet werden, und den Regisseuren Tim Fywell und Birgitte Stærmose die dramaturgische Verflechtung der verschiedenen Handlungsstränge nicht immer fließend gelingt, auch wenn die historischen Fakten im Einzelnen nicht ganz stimmen, verdeutlicht „The English Game“ die Bedeutung des Fußballs als gemeinschaftsstiftendes Element sowie dessen Entwicklung zum Massenphänomen, das inzwischen Milliarden Menschen auf der ganzen Welt bewegt.

„The English Game“, Großbritannien 2020. Serienentwickler: Julian Fellowes, sechs Kapitel mit insgesamt 280 Minuten, auf Netflix