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In der Serie „Sexualität und Person“ veröffentlichen wir eine umfassende Abhandlung des verstorbenen Wiener Psychiaters Johannes B. Torelló. Die menschliche Sexualität wird hier aus der Perspektive der christlichen Anthropologie dargestellt. Wir denken, dass in unserer Zeit eine solche Sicht notwendiger denn je ist.

Sexualität und Liebe gehören zusammen

Person, sagten wir, ist ein absoluter Wert: Man bejaht sie oder bejaht sie nicht, man kann sie nicht zum Experimentierobjekt machen. Das ist gerade bezüglich vorehelicher Beziehungen der entscheidende Punkt. Wer sagt, er liebe den anderen, aber gleichzeitig hinzufügt, er könne sich keineswegs entscheiden, eine endgültige Verantwortung zu übernehmen, der sagt eben damit, dass sich seine Liebe noch auf dem Weg, in Entwicklung befindet, noch nicht zur Reife gelangt ist. Das ist legitim und sehr menschlich, aber dann sollte der so Liebende nicht mit der sexuellen Sprache des Leibes mehr sagen, als der Wahrheit entspricht. Er soll also auch auf diesem Gebiet der sexuellen Gebärde weder sich selbst noch dem Partner und auch nicht der Umwelt vorspielen, was noch nicht ist: die endgültige Entscheidung für den anderen.

Folgen der Trennung

Durch diese Betrachtungsweise der Person wird die Trennung der Sexualität von der Liebe, welche als „Eigengehalt des Sexuellen“ vorgestellt wird, die Sexualität zum Selbstzweck macht, der Technik preisgibt und in Sex umwandelt, als künstlich und nicht menschengemäß entlarvt; als Sex, der nach dem Schlagwort einer ruhmlosen Aufklärungswellein den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts „gesund ist, gut schlafen lässt, jung erhält, das liebste Spiel darstellt (der Leib wird auf die Stufe eines Spielzeugs herabgesetzt), stolz, schön und lieb macht, Urbedürfnissebefriedigt, Lebensfreude schenkt, Aggressionen abbaut, vor Verkrampfung und krimineller Entladung bewahrt …, wenn er technisch gelingt“, wie man damals sagte.

Wenn manche Psychologen bei katholischen Meetings und in katholischen Zeitschriften ihr Lob der auf diese Weise aufgefassten Sexualität sangen, den Geschlechtsakt als die notwendige Voraussetzung der menschlichen Reife, als Ort der Selbstverwirklichung und als die vorzüglichste Tür zur Realität darstellten und sogar mit Nachdruck behaupteten, dass im Sexualakt der Mensch seinen eigenen Wert, den Höhepunkt der Verwirklichung seiner leibseelischen Einheit erreiche, dann muss man unumwunden sagen, dass diese Rederei eine glatte und dumme Lüge war.

Dass pausenlose Geilheit Geisteserhöhung, Entfaltung der Persönlichkeit und unüberbietbare Daseinsfülle bewirkt, ist reiner Wahn, wie er nur aus dem gesprungenen Topf pseudointellektueller Köche herausdunsten kann. Das wissen nicht nur ernsthafte Forscher von Steckel bis Binswanger, von Wirsch bis Buytendijk, sondern auch durchschnittlich gereifte Ehepaare und – am entgegengesetzten Ende – „Hallodris“ aller Art, welche trotz angeberischer „Tätigkeit“ nie zu wahren, reifen Menschen wurden.

Von der Lust in den Frust

Denn die direkt angepeilte Lust erstickt in einem Teufelskreis: Sie wird des öfteren gerade dadurch ausgelöscht, dassman sie direkt sucht. Immer wird sie wenigstens als insuffizient empfunden werden, und darum wird sie sich unaufhörlich auf den Weg ihrer angebeteten Befriedigung machen müssen, was nicht selten zu aller Art von Einengungen und Perversitäten führt. Daraus entstand die heutige Sexinflation, die als kindische Belohnung unserer Überflussgesellschaft mehr Neurosen erzeugt als die immer noch monoton behauptete, aber de facto nicht mehr vorhandene Frustration.

So ist es keine absolute Neuheit, daß manche Psychologen nach dem Motto einer amerikanischen Forscherin aus Berkley – „Sex is out“ (19) – nun betonen, dass Lust zur Last werden kann. Ärzte, Psychotherapeuten und Eheberater müssen immer häufiger den von jenen, die die Sexualität als Selbstzweck besingen, unerwarteten Übergang feststellen: von der Lust in den Frust. Schon am 14. Oktober 1932 erklärte Sigmund Freud höchst persönlich in einem in der „Neuen Freien Presse“ veröffentlichten Gespräch: „Meiner Ansicht nach hat sich die ‘sexuelle Not’ auf unserem Kontinent dank der größeren Freiheit der Sitten nach dem Krieg verringert. Gibt es aber einerseits weniger Neurosen, die durch die Unterdrückung der Instinkte verursacht werden, so zeigt sich dagegen eine Zunahme von Neurosen aller Arten, die durch Zügellosigkeit der Instinkte verursacht werden…“.

Der italienische Schriftsteller Vitaliano Brancati legte der Hauptgestalt seines letzten, unvollendeten Romans folgende Worte in den Mund, die man von einem völlig degenerierten Playboy wohl kaum erwartet hätte: „Sie meinen, ich sollte einen Psychoanalytiker besuchen. Sagen Sie ihm bitte, dass nichts so glücklich macht wie die Enthaltsamkeit. Psychoanalytiker fragen mich immer, ob ich irgendwelche Sexualimpulse verdrängt hätte. O nein! Sie können sicher sein: Ich habe keinen derartigen Antrieb unterdrückt. Wissen Sie, was ich unterdrückt und in die Kloake meines Ichs geworfen habe? Das Schamgefühl, die Nächstenliebe, ein Gebot des Evangeliums! Wissen Sie, was ich zertreten und in mir zum Schweigen gebracht habe? Jesus Christus selbst!“ (20)


Anmerkungen

18 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“. Nr. 11.
19 G. Brown, „The Celbacy“. In „Profil“. 9.12.1980. S. 12f.
20 Vitaliano Brancati, „Paolo il caldo“.

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.