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Wir beginnen mit einer mehrteiligen Artikelserie, die in aller Kürze wesentliche Elemente einiger Tugenden vermitteln soll. Das Wort „Tugend“ weckt in uns unterschiedliche Assoziationen. Die einen stehen dem Ausdruck gleichgültig gegenüber, sie haben das Wort kaum je gehört. Andere verbinden Tugend mit einer rigiden Pflichterfüllung, wieder andere denken dabei an wohltuende Eigenschaften, die zwar erstrebenswert wären, aber leider schwierig zu erreichen sind. Wahrscheinlich sind es die wenigsten unter uns, die das Wort „Tugend“ mit etwas Frohem, Optimistischen verbinden, mit etwas durchaus Familiärem, weil wir tagtäglich darum ringen. Die Autorin hofft, dass die Leser am Ende der Serie Sympathie für Tugenden empfinden und die Anregungen auch bei der Erziehung nutzen können.

Die Textauszüge entstammen dem Buch Die Tugenden – Werte zum Leben von Pia Bühler. Es ist im Sankt Ulrich Verlag erschienen, mit dessen freundlicher Genehmigung wir sie übernommen haben. Das Copyright verbleibt beim Verlag. 


Unter den Tugenden, die sich zur Tapferkeit gesellen, ist als erstes die Großherzigkeit zu nennen, das bedeutet: großes Herz, weite Seele, für viele offen. Die Großherzigkeit bewirkt, dass wir aus uns heraustreten und uns zum Wohl aller für das Große und Wertvolle bereitstellen. Wer diese Tugend besitzt, kennt die Enge der Kleinkariertheit und des egoistischen Kalküls nicht, denn er stellt seine Kraft vorbehaltlos in den Dienst einer Sache, die sich lohnt.

Die Quellen der Großherzigkeit

Sein einziges Bestreben ist es, Gott und den Menschen zu dienen. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Tugend der Hochgemutheit. Während sich die Großherzigkeit darauf richtet, Großes zu geben, zielt die Hochgemutheit darauf, Großes zu unternehmen – nämlich das, was der höchsten Ehre wert ist. Der Hochgemute ist unerschrocken aufrichtig, er würde nie aus Furcht die Wahrheit verschweigen; Schmeichelwort und Verstellung meidet er ganz.

„Der Hochgemute klagt nicht; denn sein Herz lässt sich nicht besiegen von irgendeinem äußeren Übel. Hochgemutheit schließt in sich eine unbeugsame Festigkeit des Hoffens, eine geradezu herausfordernde Zuversichtlichkeit und die gänzliche Ruhe eines furchtlosen Herzens. Der Hochgemute unterwirft sich nicht der Verwirrung des Gemütes, nicht irgendeinem Menschen, nicht dem Schicksal – nur Gott“ (Pieper, Das Viergespann, S. 262 f.).

Mit der Großherzigkeit und der Hochgemutheit unvereinbar ist das Streben nach Lob und Ehre, das Gefallen an Schmeichelei oder die Prahlerei. Der Kleinmütige ist ein Mensch enger Horizonte, resigniert zu einem bequemen Sich-Voranschleppen, ohne Interesse für seine Mitmenschen oder irgendwelche Ideale.

 „Die ,Ehrgeizlinge’, die auf ihre kleinen und armseligen persönlichen Ambitionen fixiert sind, begreifen nicht, dass die, die Gott lieben, nur nach einem streben und nach nichts sonst: sie wollen dienen“ (Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 625).

Großherzigkeit und Hochgemutheit bewegen zu Kühnheit. Wer diese Tugenden besitzt, zieht sich weder vor der Größe einer Aufgabe zurück noch vor den Schwierigkeiten, denen er begegnet. Das meint die hl. Theresia von Ávila, wenn sie im Buch ihres Lebens rät, unserem Streben keine Grenzen zu setzen; denn „Gott will und liebt beherzte Seelen, wenn sie nur in Demut wandeln und nicht auf sich selbst vertrauen (…).

Ich staune darüber, wie viel es auf diesem Weg darauf ankommt, dass man sich zu großen Dingen ermutige. Hat die Seele auch noch nicht die Kräfte, sie sogleich auszuführen, so macht sie doch schon einen Flug und kommt weit voran, wenn sie auch, einem Vöglein gleich, das noch zu wenig flügge ist, müde wird und ausruht.“ Daher der humorvolle Rat der Heiligen, auf der Suche nach einem geistlichen Leiter darauf zu achten, „dass dieser keiner von jenen sei, die uns den langsamen Krötengang lehren und sich schon damit zufrieden geben, wenn die Seele im Jagen nach Eidechsen sich tapfer erweist“ (Vida, 13,2 f.).

Mut zum Großen

Ein Beispiel von Kühnheit geben all jene Frauen und Männer, die sich heroisch für Gott und ihre Mitmenschen einsetzen und wertvolle bleibende Initiativen hinterlassen – trotz Armut und fehlender Mittel. Denken wir beispielsweise an den amerikanischen Fernsehkanal Eternal Word Television Network (ewtn), der 1981 von der franziskanischen Ordensfrau Mother Angelica als Kabelprogramm gegründet wurde. Heute erreicht ewtn mit seinem 24- Stunden-Programm weltweit mehr als 60 Millionen Haushalte in rund 40 Ländern.

Im Jahr 1961 war Mother Angelica von ihrem Konvent in Ohio ausgesandt worden, um in Alabama ein Kloster zu gründen. 1978 besuchte sie eine Fernsehstation in Chicago, und das weckte in ihr die Idee einer Fernseharbeit. Die ersten Gehversuche waren schwierig. Nach Auseinandersetzungen mit einem Fernsehstudio, wo zwar Sendungen mit Mother Angelica ausgestrahlt wurden, aber bald auch eine blasphemische Sendung produziert werden sollte, beschloß sie 1978 den Aufbau einer eigenen Produktionsstätte. Am 15. August 1981 begann Eternal Word Television Network mit vier Stunden täglich.

Beim Beginn von Sendungen rund um die Uhr wurden im September 1987 zehn Millionen Haushalte erreicht. Der erweiterte Sendetag wurde nicht nur mit Wiederholungen und zusätzlichen Serien gefüllt, sondern auch mit Live-Übertragungen zum Beispiel von Papstreisen, Bischofsernennungen, Selig- und Heiligsprechungen und Festgottesdiensten aus Rom zu den hohen Feiertagen. 1991 begann die Ausstrahlung einer täglichen heiligen Messe und 1996 startete der Satellitenhörfunk. Eternal Word Television Network bot interessierten Radiostationen den Satellitenstrom zur kostenlosen Übernahme an. In Europa ist der Radiodienst seit 1998 zu empfangen. Der Sender strahlt seit dem Jahre 2000 Fernsehsendungen auch in deutscher Sprache aus.

Die ersten Christen

Die ersten Christen und all jene, die in der Geschichte der Kirche eine großartige Spur hinterlassen haben, handelten ohne Furcht vor den Menschen. Wenn es so viele Menschen gibt, die für ihre armseligen oder gar schlechten Ambitionen ihr Leben riskieren, wie sollte sich da der Christ fürchten, sein Leben in den Dienst Gottes zu stellen? Und schließlich benötigen wir auch die Tugend der Großmut, die uns dazu befähigt, Unrecht zu ertragen – bisweilen auch großes.

„Großmütig sein heißt, kleine Beleidigungen, wie sie uns im menschlichen Alltag widerfahren, rasch vergessen; heißt lächeln und anderen das Leben freundlicher gestalten, auch wenn Widerstände auftreten; heißt über andere nicht zu streng, sondern verständnisvoll urteilen; heißt weniger angenehme Pflichten bei der Arbeit und in der Gemeinschaft übernehmen; heißt andere so nehmen, wie sie sind, und sich nicht so sehr an ihren Schwächen aufhalten; heißt auch einmal ein Lob aussprechen, das einem anderen gut tut; heißt einem Gespräch einen zuversichtlichen Grundton geben und sich bei Gelegenheit auch einmal entschuldigen; heißt überflüssige und häufig auch ungerechte Beanstandungen unterlassen: heißt unseren Freunden – für ihr irdisches wie für das ewige Leben – neue Perspektiven eröffnen“ (Carjaval, Mediationen I, S. 204).