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Bild: Michelangelo Merisi da Caravaggio, Der ungläubige Thomas, etwa 1600, Bildergalerie Sanssouci Potsdam

An der Auferstehung scheiden sich die Geister – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das nicht erst in unserer Zeit. Schon der Apostel Paulus hat das erlebt, als er in Athen (1) predigte. Die Authentizität seines Glaubens beeindruckte offenbar die Menschen, die die Leere und mangelnde Spiritualität ihres Götterglaubens nur zu deutlich gespürt haben dürften.

Platos Ahnung

Selbst die harte Tatsache, dass Jesus, der exemplarische Gerechte, eines gewaltsamen Todes sterben musste, ließ sich mit den Begriffen der griechischen Philosophie fassen; Plato hatte sogar schon rund 400 Jahre vor Christus vorausgeahnt, dass ein wirklich Gerechter in der Welt gefoltert und gekreuzigt werden würde (2).

Als sie aber von der Auferstehung der Toten hörten „spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (3). Das liest sich so „modern“, als sei es heute geschehen, und selbst viele berühmte Theologen versuchen immer wieder, an dieser Klippe vorbei zu kommen. Sie lassen Jesus nur noch „in das Kerygma“ (4) auferstehen, sie lassen irgendwie „seine Sache“ weiter gehen (5), oder versuchen auf andere Art ohne die Auferstehung klar zu kommen.

Auferstehung lässt sich nicht mit Allerweltsbegriffen fassen

Dahinter steht sicher nicht gleich böse Absicht, oder der Wille, den Glauben zu zerstören; schon vor zweitausend Jahren war es ja für viele Zeitgenossen nicht leicht, mit einem Geschehnis klar zu kommen, das nun wirklich aller Alltagserfahrung widersprach. Die Auferstehung lässt sich aber nicht mit Allerweltsbegriffen fassen; sie ist auch unendlich viel mehr und anders als die Wiederbelebung eines Leichnams oder die Rückkehr eines Toten.

Die nach den Berichten der Evangelien von Jesus wieder zum Leben erweckten Menschen – wie Lazarus oder die Tochter des Jairus (6) – wurden in ihr früheres rein irdisches Leben zurückgeholt, lebten weiter wie vorher, um dann irgendwann doch zu sterben. Der biologische Tod blieb auch für sie unvermeidlich. Ganz anders stellt sich die Auferstehung dar – womit sie überhaupt erst zu der Hoffnung aller Menschen wird, denn sie bedeutet nicht die bloße Verlängerung des irdischen Lebens um ein paar Jahre, sondern die sichere Hoffnung auf die endgültige Überwindung von Leid und Tod.

Ohne Auferstehung ist der Glaube nutzlos

Deshalb gibt es ohne die Auferstehung Jesu Christi keinen christlichen Glauben. Ohne seine Auferstehung gäbe es auch für uns keine Auferstehung. Der Apostel Paulus sagt es mit der nötigen – auch heute noch treffenden – Deutlichkeit: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist Euer Glaube nutzlos…“ (7). Ohne die Auferstehung wäre nicht verständlich, warum das Kreuz ein Zeichen für Erlösung ist und Hoffnung bedeutet – Hoffnung auf Befreiung vom Tod und vom Bösen. Durch die Auferstehung gibt es die Hoffnung auf ein unvergleichlich neues und unvergängliches Leben, in dem aber doch die ganze Person fortlebt – und nicht nur ein Geist oder eine formlose Seele (8).

Auferstehung geht über „normale“ Erfahrung hinaus

Wenn man die Berichte über die Auferstehung Jesu einmal genauer ansieht, wird das alles sehr deutlich: Ihnen ist gemeinsam, dass der Auferstandene erstaunlicherweise zunächst selbst von jenen Menschen nicht erkannt wird, denen er am nächsten stand und mit denen er z.T. noch wenige Tage zuvor zu Tisch gesessen hatte. Erst als er sie anspricht, erkennen sie ihn: So geht es Maria Magdalena direkt am leeren Grab (Joh. 20, 14 ff.), und so geht es den Emmaus-Jüngern (Lk. 24, 13 ff.), die stundenlang mit ihm wandern und erst bei Tisch erkennen, dass es Jesus ist. Zugleich ist aber in allen relevanten Texten überdeutlich, dass Jesus nicht nur in Gedanken und Erinnerungen oder sonst irgendwie bloß symbolisch bzw. im übertragenen Sinne auferstanden ist. Denn der, den seine engsten Vertrauten erst nicht erkannten, ist keine Einbildung sondern wirklich anwesend – sie können ihn schließlich anfassen, um ihre Zweifel zu zerstreuen (Joh. 20, 27-29), und er isst sogar etwas mit ihnen (vgl. Lk 24 42 oder Joh 21, 10ff).

Schlagartig mutige Bekenner

Erst diese Erfahrungen (9) mit dem Auferstandenen hat aus den Jüngern, die sich nach der Hinrichtung ihres Meisters in Furcht und Schrecken zerstreut, versteckt und zurückgezogen hatten, schlagartig mutige Bekenner und Missionare gemacht, denn sie wussten endlich um die göttliche Sendung und das Wesen ihres Herrn. Es war nicht die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen, aus der sich irgendwelche „Gemeindebildungen“, quasi theologische Erfindungen, ergeben hätten. Ganz im Gegenteil – es war die alles verändernde, umstürzende und völlig beispiellose Erfahrung der Auferstehung Jesu, die aus einer Gruppe frustrierter Gefolgsleute eines gescheiterten jüdischen Rabbi diese begeisterten Verkünder einer – im besten Sinne – umstürzenden Neuigkeit machten. Nichts anderes ist der eigentliche Inhalt des Evangeliums, der „guten Nachricht“. Und wie könnte man eine so ungeheure Neuigkeit, eine so wichtige Wahrheit nur für sich behalten?

Auferstehung und Eucharistie

Die Berichte über die Begegnungen mit dem Auferstandenen sind aber nicht nur historische Zeugnisse, sondern sie zeigen auch auf besonders eindrucksvolle Weise, dass der christliche Glaube und die Kirche ganz und gar auf diesem Geschehen aufbauen. Die Eucharistie ist in gewisser Weise eine bewegende Parallele zu den Erscheinungen des Auferstandenen: Auch Wein und Brot sind zunächst nur das, was ihre äußere Gestalt verrät; der äußere Anschein verhüllt die Realität mehr als dass er sie sichtbar macht (ganz wie bei Jesus am leeren Grab). So wie Jesus von Maria Magdalena erst in dem Moment erkannt wurde, in dem er sie ansprach, so begreifen wir seine Gegenwart in der Eucharistie erst durch seine „Ansprache“ im Glauben.

Ich empfinde es als ungemein tröstlich, dass wir immer wieder in einer Situation sein können, die der der Jünger entspricht, die dem Auferstandenen begegneten. Bei jeder Hl. Messe wird der Bogen über zweitausend Jahre geschlagen. Und genau deshalb feiern die Christen von Anfang an den Sonntag als „Tag des Herrn“ – nicht in Abgrenzung gegen den Sabbat, den Jesus selbst ja stets geehrt hat, sondern als den Tag seiner Auferstehung.

Dass aber Jesus als Auferstandener nicht immer weiter unter seinen Jüngern blieb, sondern „in den Himmel“ auffuhr und „zur Rechten des Vaters“ sitzt, diese Aussage verweist uns erneut auf das Geheimnis der Trinität, denn Gott ist immer Vater, Sohn und Heiliger Geist (10).

Anmerkungen

1) Athen war damals ungefähr das, was heute z.B. New York, Paris, London und Berlin wären; ein intellektuelles Zentrum der damaligen Welt.

2) Politeia II, 361 e ff. Vgl. hierzu Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, München 1968 / Neuauflage 2000. S. 275.

3) Apg. 17, 32

4) D.h. in die Botschaft oder Verkündigung. Der Ausspruch stammt vom evang. Theologen Rudolf Bultmann.

5) So der evang. Theologe Willi Marxsen in den 1960er Jahren. Man muss fragen, ob es dann noch einen relevanten Unterschied gibt zur Sache diverser Denker, Philosophen und Religionsstifter, deren Sache auch irgendwie – im Guten und im Bösen – weitergeht. Noch niemand ist auf die Idee gekommen, von der Auferstehung des Karl Marx zu reden, obwohl es immer noch Marxisten gibt.

6) Die Auferweckung des Lazarus (Joh 10, 40 ff.) , oder der Tochter des Jairus (Lk 8,49-56) waren in sich wunderbare Ereignisse im Leben Jesu, die viele Menschen beeindruckten, ohne jedoch zwingend Glauben zu erzeugen, weil sie trotz allen Aufsehens irgendwie noch vom Erwartungshorizont der Zeitgenossen her fassbar zu sein schienen – so wie vielleicht unerklärliche Heilungen und wunderbare Rettungen auch heute.

7) 1 Kor 15, 17

8) Vgl. hierzu Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, a.a.O. S. 329 ff.

9) Die Erscheinungen des Auferstandenen lassen uns auch erahnen, was Auferstehung für uns bedeutet: Es ist derselbe Mensch, der auferweckt wird, wiedererkennbar, er selbst ohne Abstriche, aber in höherer, verwandelter Weise (vgl. 1 Kor 15, 35 ff). Leibliche Auferstehung bedeutet auch nicht, dass wer als Kind starb in der Ewigkeit Kind bleibt und wer als Greis starb, ewig ein Greis.

10) J. Ratzinger: Einführung in das Christentum, a.a.O. S. 165 ff. , S. 293 ff. und passim.