Donnerstag, 9 Dezember, 2021

Gymnasiale Erziehung

Lesezeit: ≈ 3 Minuten

Holzapfel, Meves, Haupts, Zimmermann

Nummer: S4

15:00 €


Mit Beginn der 80er Jahre ist das Gymnasium wieder mehr ins Gerede gekommen. Reformer wie Kritiker überschütten staunende Eltern, verunsicherte Lehrer und zum Objekt gewordene Schüler mit Kaskaden von Veröffentlichungen, die vor späteren Generationen Zeugnis von der Vielzahl der Experimente geben werden.

Dieser Sammelband mit den Worten“ Gymnasial“ und „Erziehung“ im Titel will mit seinen Beiträgen weder ein weiteres Lamento anstimmen noch eine erneute Reform proklamieren. Der Bildungsanspruch des Gymnasiums soll vielmehr wieder mit dem heute oft verloren gegangenen Erziehungsaspekt als eine Einheit dargestellt werden.

In den letzten Jahren machte die Überbetonung der Strukturen blind für Gehalte und Werte. Die Zunahme technischer Errungenschaften im Schulwesen sowie die als weitreichend deklarierten Mitwirkungsrechte der Eltern, Werteunsicherheit und Anpassungsdruck, ließen den Ruf nach Erziehung, nach Ruhe im Schulwesen und nach Bewahrung von Bestehendem erst sehr spät laut werden.
Das Gymnasium ist nicht von ungefähr eine Hauptzielscheibe der Gesamtveränderer geworden: Sein Anspruch auf Leistung und Qualifikationen, seine Bildungstradition und eigenständige Prägung rufen in unserer „Gleichheit-Gesellschaft“ wütende Proteste hervor.
Der Schulstreit, von Ideologen geführt, wurzelt immer noch in den Scheinalternativen: Chancengleichheit oder Privilegierung. Im Mittelpunkt der Beiträge dieses Bandes steht deshalb die Frage nach den Grundlagen gymnasialer Bildung und Erziehung, nach ihren spezifischen Aufgaben und Zielen und nach Wegen und Möglichkeiten zu ihrer Verwirklichung.

Im ersten Beitrag setzt sich H. Holzapfel mit der Aufgabe des Gymnasiums, das er als die Schule der wissenschaftlichen Grundbildung kennzeichnet, auseinander. Die erzieherische Komponente wird als integrierender Bestandteil einer Bildung erkannt, die eine rechte Wertrangordnung anstrebt, eine Verpflichtung zu sozialer Gerechtigkeit und Nächstenliebe enthält, Arbeitsethos vermittelt und darüber hinaus zur Überzeugungsfestigkeit führt.

A. Zimmermann appelliert an den schulmündigen Bürger, Auswege aus dem Labyrinth derzeitiger Bildungsmiseren zu suchen, indem er als freier Bürger Gebrauch macht von dieser Freiheit und die Schule sucht oder ins Leben ruft, die seinen Erziehungsvorstellungen entspricht. Die Absage an das staatliche Schulmonopol und der Hinweis auf die aus dem Subsidiaritätsprinzip entwachsenden Rechte und Pflichten des Einzelnen machen deutlich, wie Alternativen Wirklichkeit werden können.

Eine die Frau angemessen berücksichtigende Erziehung, die sich nicht durch die landläufig propagierte Gleichheitsthese von Mann und Frau irre machen läßt, ist das Anliegen von Ch. Meves. Anschaulich zeigt sie auf, wie verhängnisvoll sich eine ausschließlich am Mann orientierte „verkopfte“ Schul- und Berufsbildung auf die geistig-seelische Verfassung der Frau und in Konsequenz auf das Wohl von Familie und Gesellschaft auswirkt. Wer eine auf der Eigenpersönlichkeit der Frau aufbauende Gleichberechtigung wünscht, sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob die Koedikation dieses Ziel fördert oder eher verhindert.

Das Fach Geschichte am Gymnasium steht im Mittelpunkt der Untersuchung von L. Haupts. Er will dem Schüler einen neuen Zugang zur Geschichte erschließen und seinen Blick für geschichtliche Wahrheit schärfen, damit er in einer realitätsentsprechenden Beziehung zu seiner Gegenwart treten und einen unverkrampf ten Zugang zu seiner Zukunft finden kann.

Die Vorträge dieses Sammelbandes wollen dazu beitragen, über gymnasiale Erziehung nachzudenken und eine Schule zu fördern, die sich jenen Eltern und Schülern verpflichtet weiß, die auch heute noch eine den ganzen Menschen berücksichtigende Bildung wünschen.

Heinrich Holzapfel, geb. 1910, Studium der Mathematik, Philologie und Philosophie in Bonn, Berlin und Köln. Von 1936-1956 Lehr-, Leiterund Ausbildungstätigkeit an Gymnasien; 1956 – 1960 Leiter des Schulkollegiums in Düsseldorf; 1960 – 1975 Abteilungsleiter für das Schulwesen und die Lehrerbildung am Kultusministerium NW. Von 1953 – 1960 Leiter des Wissenschaftlichen Prüfungsamtes. Seit 1958 Honorarprofessor für Pädagogik an der Universität Köln. Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen.
Christa Meves, geb. 1925. Studium der Germanistik, Geographie und Philosophie an den Universitäten Breslau und Kiel. Studium der Psychologie in Hamburg. Psychagogen-Ausbildung in Hannover und Göttingen. Freipraktizierend in Uelzen; Arztfrau und Mutter zweier Töchter. Buchveröffentlichungen, deren Auflagen die Millionengrenze überschritten haben.
Leo Haupts, geb. 1927. Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie in Köln. 1953 – 1968 Lehr- und Ausbildungstätigkeit an Gymnasien und am Studienkolleg der RWTH Aachen. 1959 Promotion; seit 1968 an der Universität zu Köln; Habilitation 1976; seit 1979 Professor für neuere Geschichte. Veröffentlichungen vor allem zur Neueren Geschichte.
Albert Zimmermann, geb. 1928. Studium der Philosophie, Mathematik, Physik in Frankfurt, Bonn und Köln. Seit 1952 Unterrichtstätigkeit an Gymnasien. 1955 Promotion. 1961 Habilitation, seit 1964 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität zu Köln; seit 1976 dort o. Professor; 1977/79 Dekan der philosophischen Fakultät. Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Lehrerfortbildung in Essen-Werden. Veröffentlichungen vorwiegend zu Themen der Philosophie des Mittelalters.

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