Manche Denker sind ihrer Zeit voraus, manche so weit, dass sie in Vergessenheit geraten sind, bevor sich der Wert ihres Denkens richtig zeigt. Selbst wenn sie im Nachhinein in vielen Dingen Recht behalten, werden sie dann doch eher an der unvollkommenen zeitlichen Wirkung ihres Denkens gemessen, als an seiner eigentlichen Größe. Ein solcher ist Nikolaus von Kues, auch Nikolaus Cusanus genannt, in der latinisierten Form seines Namens; ein echter Universalgelehrter und begnadeter Kirchenmann. 

Ein Universalgenie macht Karriere

Geboren 1401 in Kues an der Mosel, konnte der hochbegabte Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns1 an einigen der besten Universitäten seiner Zeit studieren: Mathematik, Philosophie und Theologie in Heidelberg und Köln, kanonisches Recht in Padua. Er wurde zum Priester geweiht und trat früh in kirchliche Dienste ein. Aufgrund seiner intellektuellen Brillanz machte er schnell Karriere, wurde schließlich Kardinal. Sein besonderes Talent blieb in der akademischen und politischen Welt nicht verborgen. Das frühe 15. Jahrhundert war – darin noch ganz in der Tradition des Hochmittelalters stehend – eine Zeit des intensiven geistigen Austausches zwischen Denkern aller Fachrichtungen in ganz Europa und über Grenzen hinweg. 

Der Kardinal und die Aliens

Nikolaus von Kues war ein herausragender Denker auf allen wichtigen Wissensgebieten seiner Zeit. Bahnbrechend waren u.a. seine naturwissenschaftlichen Forschungen, einschließlich der Kosmologie. Lange vor Kopernikus widerlegte er ein Weltbild, das die Erde im Mittelpunkt des Alls sah, indem er die Unendlichkeit des Weltalls vertrat, worin es logischerweise keinen Mittelpunkt geben könne. Strenggenommen hatte er damit auch ein heliozentrisches Weltbild im Sinne Galileis widerlegt. Bemerkenswert ist zudem, dass Nikolaus auch davon ausging, dass es neben der Erde viele andere ähnliche Planeten geben müsse, auf denen auch Leben existiere2.

Reformer, aber papsttreu

Nikolaus Cusanus nahm an wichtigen Konzilien und Reichstagen seiner Zeit teil. Die Reform der Kirche, besonders in Deutschland, war ihm eine Lebensaufgabe, ebenso aber die Einheit der Kirche. Er scheute nicht die zähen Verhandlungen und endlosen Auseinandersetzungen, die damit verbunden waren. Liest man von den heftigen Streitigkeiten zwischen Konziliaristen und Papsttreuen, ob der Papst sich synodalen Beschlüssen unterzuordnen habe, dann kann man sich als Betrachter aus dem 21. Jahrhundert kaum eines Gefühls von déjà vu erwehren. 

Nikolaus unterstützte den Konzilsgedanken grundsätzlich, soweit dieser auf die Urkirche zurückzugehen schien, und er versuchte immer wieder zwischen den Parteien zu vermitteln. Als sich jedoch eine starke Absetzbewegung vom Papst durchzusetzen drohte, die auf eine Abspaltung der deutschen Kirche von Rom zielte, widersprach er und kämpfte für die Einheit der Kirche. 

Sisyphusarbeit für die Einheit der Kirche

Rastlos setzte er sich weiterhin für tiefgreifende innere Reformen in der Kirche ein3. Er vermittelte auch im bitteren Streit mit den Hussiten, soweit diese verhandlungsbereit waren. Und er arbeitete mit großer Energie für den Ausgleich mit der Ostkirche, führte Verhandlungen im Auftrag des Papstes, bis hin zum Konzil von Florenz 1439, das für einen Augenblick in der Geschichte die Einheit zwischen Rom und der Ostkirche wiederherzustellen schien. Aber trotz einzelner Erfolge erwies sich sein Wirken in diesem Bereich in mancher Hinsicht als enttäuschend. Auch in seiner Arbeit als Bischof von Brixen war ihm kein bleibender Erfolg beschieden.

Einen schweren Schock stellte für Nikolaus schließlich die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 dar. Nach all der Zeit, die er in der Stadt verbracht hatte, in intensivem und durchaus fruchtbarem Einsatz für eine Kirchenunion, war es für ihn kaum erträglich anzusehen, wie Konstantinopel in einer blutigen Gewaltorgie unterging. 

Interreligiöser Dialog – avant la lettre

Es ist bezeichnend, wie Nikolaus auf die Jahrhundertkatastrophe der Zerstörung Konstantinopels reagierte, weder resignierend noch mit Rachegedanken. Vielmehr setzte er sich – wie zuvor schon im interkonfessionellen Bereich – mit einem Thema auseinander, das wir heute als „interreligiösen Dialog“ bezeichnen würden. Indem er allen Religionen zugestand, bis zu einem gewissen Grad Anteil an der Suche nach der Wahrheit zu haben, hoffte er auf die Möglichkeit eines „Religionsfriedens“. Manche Aussagen des Zweiten Vatikanums4 ließen sich hier ohne weiteres anknüpfen. 

Nikolaus von Kues, darin ganz der begnadete Gelehrte, der den Dingen verstandesmäßig auf den Grund ging, verfasste auch eine detaillierte Analyse des Korans5. Konnte es z.B. in dem, was darin aus Judentum und Christentum übernommen worden war, Anknüpfungspunkte für einen Dialog geben? Nikolaus war mit seinen Gedanken, die er in Wort und Schrift weit verbreitete, seiner Zeit weit voraus. Es fehlte ihm letztlich ein dialogbereiter Ansprechpartner. Und als er 1464 in Italien starb, waren die Aussichten für einen Religionsfrieden weiter in die Ferne gerückt denn je.

Vergängliches und Bleibendes

Aus heutiger Sicht kann es sich dennoch lohnen, sein Wirken wieder in den Blick zu nehmen. Nikolaus ließ weder bei der Arbeit an innerkirchlichen Reformen, noch beim Streben nach interreligiösem Frieden jemals den geringsten Zweifel an der christlichen Wahrheit aufkommen. Gerade daraus erwuchs auch die intellektuelle Kraft seines Werkes. Und das war keinesfalls selbstverständlich, denn das 15. Jahrhundert war eine Zeit voller Häresien, Sekten und diverser Formen des Abfalls vom katholischen Glauben. Kein interreligiöser Dialog kann jedoch letztlich Frucht bringen, bei dem es um Synkretismus, Verwischung von Grenzen und Relativierung der Wahrheit geht. 

Was bleibt nun für unsere Zeit, wenn wir die Gestalt des Nikolaus von Kues aus der Distanz von sieben Jahrhunderten betrachten? Hat er uns – über die rein historische und kirchengeschichtliche Bedeutung hinaus – etwas zu sagen? Sein ehrliches Streben nach Reformen und Einheit kommt uns heute wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel vor. Seine Arbeit als Jurist und Verwalter blieb vergänglich und hatte auch dunkle Seiten. Und was er Gutes und Wahres über den Ausgleich zwischen Religionen und Konfessionen geschrieben hatte, blieb weithin Theorie und wurde allzu leicht vergessen.

Docta Ignorantia

Und doch fasziniert seine Gestalt heutige Betrachter zu Recht vor allem aus zwei Gründen: Da ist zum Einen seine große Wahrheitsliebe, verbunden mit unermüdlichem Streben nach Ausgleich und Verständigung. Sein Blick auf die Kirche und auf den Umgang mit fremden Religionen ist auch heute noch lehrreich und anregend. Zum Anderen ist Nikolaus von Kues einer der ganz Großen der Philosophie, dessen Gedanken über den Tag hinaus lesenswert und manchmal verblüffend aktuell sind. Dazu trägt bei, dass er nicht nur Theologe und Philosoph, sondern zeitlebens auch ein begeisterter Mathematiker war. Seine Analogien und die Strenge seines Denkens zeugen davon.

In seinem bekanntesten Hauptwerk, mit dem sprechenden Titel „Docta Ignorantia“6, erweist sich Nikolaus als Mann der Wissenschaft, der stets größten Wert auf verstandesmäßiges Denken und Forschen gelegt hat, der aber zugleich Ehrfurcht vor der Unendlichkeit göttlicher Weisheit empfand. Sein Denken und Wirken war zutiefst in einem Bewusstsein der Gotteskindschaft7 aller Menschen verwurzelt. Gottes Schöpfung kann daher nie nur bloßes Objekt unseres Wirkens sein, sondern sie ist immer auch Anlass zu Dankbarkeit und Demut. 

1Johann Cryfftz (Krebs). Den Familiennamen ersetzte Nikolaus, dem Usus der Gelehrten seiner Zeit folgend, durch den Namen seines Geburtsortes, dem er zeitlebens verbunden blieb und in dem er zusammen mit seinen Geschwistern eine Stiftung aus dem Familienvermögen errichtete.


2RGG Bd. 4, Sp. 1491.

3Wäre ihm dabei mehr Erfolg beschieden gewesen, hätte sich die Kirchenspaltung des 16. Jh. in ihrer Radikalität vielleicht vermeiden lassen.

4Vgl. die Konzilserklärung „Nostra Aetate“ von 1965 über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen.

5„Cribratio Alchorani“ (Sichtung oder wörtlich: Das Sieben des Koran), 1461.

6„Gelehrte Unwissenheit“, ganz im Sinne des Sokrates.

7Es würde sich lohnen, darin Anknüpfungspunkte zum Werk des Hl. Josemaría Escrivá zu suchen, eines großen Heiligen des 20. Jahrhunderts, dessen Werk gerade im Verständnis der Gotteskindschaft gründet.