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Den jungen Menschen wird heute – leider auch oft im Schulunterricht – eine banalisierte Sicht menschlicher Sexualität vorgestellt. Bestimmte Medien tragen zu einer erheblichen Verstärkung dieser Verzerrung bei. Der Brief einer Mutter an ihre Tochter geht auf die Kernpunkte der Sexualität ein. Es wird ihre wahre Bedeutung, ihre Tiefe und Würde dargestellt.

Liebe Annette!

Wenngleich Du vermutlich ernste Briefe hasst, möchte ich Dir jetzt ein paar wichtige Dinge sagen, die für Dein ganzes Leben entscheidend sind, besonders für Deine Fähigkeit später einmal einen Menschen wirklich durch „Dick und Dünn“ lieben zu können.
Du schreibst, dass AIDS-Witze bei Euch Hochkonjunktur haben und dass ein Witzbold einen Brief in den Beschwerdekasten geworfen habe mit dem Hinweis, dass er die kostenlose Verteilung von Kondomen auf Eurer Klassenfahrt vermisse.

Diese Idee finde ich, wie Du Dir sicher vorstellen kannst, nicht gerade „das Gelbe vom Ei“. Auf den ersten Blick klingt sie zwar ganz nahe liegend, denn AIDS bekommt man bekanntlich nicht wie einen Schnupfen, sondern vor allem durch Ansteckung während des Geschlechtsverkehrs. Besonders gefährdet sind auch diejenigen, die, wie Du es ausdrückst, „Bäumchen, Bäumchen-wechsle-Dich“ spielen, diejenigen, die sexuelle Kontakte nicht aus Liebe, sondern aus Spaß an der Lust mit durchaus wechselnden Partnern aufnehmen.

So „kaltschnäuzig“ in Sachen Liebe sind allerdings nur wenige. Die Mehrheit will Liebe und Treue geben und erfahren. Dennoch leben viele Jugendliche gefährlich, seelisch wie körperlich. Warum?

Weil sie ihrer Liebe „treu“ sind und sich für monogam (mono = 1) halten, dabei jedoch übersehen, dass sie vielleicht schon einmal „treu“ waren, nur eben jemandem anderen. Sie übersehen auch, dass sie in den meisten Fällen künftig wieder einem anderen Partner „treu“ sein werden. Je früher man die oder den Richtigen gefunden zu haben glaubt, desto geringer ist die Trefferquote; d.h. desto häufiger wechselt der Partner. Da aber jeder seine Vergangenheit – auch seine bisherigen sexuellen Kontakte – sozusagen als Mitgift in die neue Freundschaft mit einbringt, empfehlen verantwortliche Stellen Kondome als unentbehrliche Schutzmaßnahme.

Auf den zweiten Blick jedoch geht es nicht nur um Eure Gesundheit und um die Gefahr, an AIDS zu erkranken. Sondern: Es geht um die Liebe, um Eure seelische Kraft zu lieben. Untersuchungen zeigen: Je mehr Partner der Mensch im Leben hat, desto schwächer wird seine Fähigkeit, sich auf Dauer zu binden. Die Frage ist also: Soll man überhaupt mit höchstwahrscheinlich noch wechselnden Partnern schon sexuelle Beziehungen eingehen?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen und zunächst versuchen, Dir zu beschreiben, was die menschliche Sexualität ist. Dazu müssen wir herausfinden, ob es etwas typisch Menschliches an unserer Sexualität gibt, etwas, das uns von allen Säugern, denen wir ja biologisch angehören, unterscheidet. Zunächst zu dem, was Mensch und Tier in der Sexualität verbindet.

Gemeinsam ist uns, Mensch und Tier, dass unsere Sexualität ein Trieb ist. Wie jeder Trieb drängt auch die Sexualität nach Befriedigung und hier auf die Vereinigung von Mann und Frau. Ich weiß nicht, ob Du diese in uns lebendige Kraft schon bemerkt hast. Die meisten jungen Mädchen haben – im Gegensatz zu dem, was „Bravo“ Euch einreden möchte – zunächst noch einen „schlummernden“ Körper, der erst dann „erwacht“, wenn sie einen Mann so gut kennen, dass sie ihn zu lieben beginnen. Jungen haben es dagegen schwerer, ihre Sexualität ist drängender und kann schon durch optische Reize geweckt werden, z.B. durch ein Foto von einer ihnen völlig fremden, aber attraktiven Frau.

Gemeinsam ist Mensch und Tier darüber hinaus auch, dass das körperliche Zusammensein von „Männchen“ und „Weibchen“ Lustgefühle erzeugt. Der Geschlechtstrieb und die damit verbundene Lust sind also Mensch und Tier gemeinsam. Das heißt nicht, dass beides deswegen schlecht oder minderwertig wäre. Im Gegenteil: Beides ist in sich gut und schön; ebenso von Gott geschaffen und bejaht wie z.B. das Bedürfnis nach Essen und Trinken und die Freude daran. Die Frage ist nur: Gibt es etwas, das den Menschen vom Tier unterscheidet?

Wenn ja, dann müssen wir diesen Teil der Geschlechtlichkeit, den wir mit den Tieren gemeinsam haben, einbetten in das, was das typisch Menschliche an unserer Sexualität ist. Du brauchst jetzt keine Angst zu haben, dass ich ins Philosophieren gerate. Im Gegenteil, an einigen handfesten biologischen Fakten möchte ich Dir aufzeigen, was an unserem Geschlechtlichen das typisch Menschliche ist.

Nur der Mensch kann Herr bzw. Herrin seiner Triebe, also auch seiner Sexualität sein. D.h., er ist nicht triebgesteuert wie das Tier, sondern er selbst kann seine Triebe steuern. Nach dem Motto zu leben, „was der Körper braucht, soll er haben“, ist gerade nicht typisch menschlich, sondern typisch tierisch; denn diese armen Viecher können gar nichts anderes tun als das, was der Körper gerade braucht. Wir dagegen können Herr im eigenen Hause sein.

Warum sollten wir uns diese Mühe machen? Ich meine, um der Liebe willen. Damit ist nichts Übermenschliches gemeint, sondern nur die Verwirklichung des typisch Menschlichen an unserer Sexualität, das Du an folgenden biologischen Merkmalen erkennen kannst:

• Nur der Mensch ist nicht an Paarungszeiten gebunden. Dadurch sind Mann und Frau nicht nur im Herbst oder Frühjahr füreinander interessant, sondern immer, ein ganzes Leben lang. Der Sinn dieser im Laufe der Evolution erfolgten Loslösung menschlicher Sexualität von Paarungszeiten besteht darin, Mann und Frau eine engere und tiefere Bindung zu ermöglichen.


• Nur der Mensch kann sich in der körperlichen Liebe bewusst für oder gegen Nachkommenschaft entscheiden. Das Tier ist in seiner Sexualität triebhaft auf Zeugung oder Empfängnis hingeordnet. Dem Menschen aber ist es möglich, bewusst und aus Liebe Leben weiterzugeben und nicht nur stumpf wie ein Tier der Arterhaltung zu dienen. Darüber hinaus kann er seine Liebe immer wieder körperlich zum Ausdruck bringen, auch ohne ein Kind zeugen zu wollen, so dass die gegenseitige Bindung immer tiefer wird. Glaubst Du, dass es bei (noch) wechselnden Partnern schon um eine tiefe Bindung oder gar um neues Leben gehen kann?


• Nur der Mensch hat Schamgefühl. Er schämt sich seiner Nacktheit oder seiner Sexualität nicht, weil diese etwa unanständig oder minderwertig wären. Im Gegenteil: Schamgefühl oder Tabus schützen – in ihrer ursprünglichen Bedeutung – Wertvolles, in unserem Fall die Liebe. Denn die körperliche Vereinigung von Mann und Frau ist mehr als Arterhaltung. Sie ist ein persönliches, unverwechselbares Geschehen zwischen den Liebenden, ein nur den beiden gehörendes Ereignis. Daher verbirgt der Mensch in allen Kulturen – wenn auch auf je andere Weise – das Geschlechtliche vor den Augen der Öffentlichkeit; er will diesen intimen Bereich, der unsere Sexualität über das rein Triebhafte weit hinaushebt, als etwas ganz Persönliches bewahren.
Auch der nächste Unterschied weist auf die persönlichen Aspekte menschlicher Sexualität hin:


• Nur der Mensch kann sich bei der körperlichen Vereinigung anschauen; allen anderen Säugern ist dies von ihrem Körperbau her unmöglich.

Diese anatomische Bevorzugung des Menschen vor anderen Säugern empfinde ich als echtes Geschenk Gottes, als Ausdruck menschlicher Würde.

An unserer „Körpersprache“ können wir ablesen, dass es bei dem engsten Zusammensein von Mann und Frau um mehr geht als um Arterhaltung, um mehr als Lust, nämlich um gemeinsames, wunderschönes Erleben des Einswerdens und des Zusammengehörens.
Sich anschauen zu dürfen heißt: den geliebten Menschen in sich aufzunehmen, ihn immer neu erkennen zu dürfen. Insofern ist z.B. die biblische Umschreibung des Wortes Geschlechtsverkehr, nämlich „Erkennen“, im Grunde eine viel treffendere Beschreibung der Vereinigung von Mann und Frau als unser „einäugiges“ Wort „Geschlechtsverkehr“, das offensichtlich nur das rein Körperliche im Blick hat.

Glaubst Du, dass es bei der heute oft gehörten Devise „Was der Körper braucht, soll er haben!“ noch um das Erkennen des anderen gehen kann? Ich fürchte nein. Eher muß man sagen: Das berühmte Feigenblatt von Adam und Eva ist heute vielen vor das Gesicht gerutscht; sie meinen nur noch den Körper des anderen, nicht aber seine Person.

Langer Rede kurzer Sinn: Der Mensch ist zwar ein geschlechtliches Wesen, aber er ist mehr als das: Er ist Person. Nur dem Menschen ist es gegeben,

  • in freier Entscheidung zu lieben,
  • bewusst zu zeugen und
  • willentlich treu zu sein.

Eben dies hebt ihn über das Tier hinaus, macht ihn erst wirklich zum „Menschen“. Oder bist Du schon einem Tier begegnet,

  • das sich schämt, nackt zu sein,
  • das sich dafür interessiert, ob es Sohn oder Tochter in die Welt gesetzt hat; oder
  • das seinen soundsovielten Hochzeitstag feiert, sich also seiner „Treue“ bewußt wäre?

Ich hoffe, Du verstehst nach diesem langen Anlauf, dass es mir nicht um Verbote geht, sondern um das Glück des Menschen. Wer zu einem liebesfähigen, verlässlichen und starken Erwachsenen werden will, der muss die nur der menschlichen Sexualität eigene Möglichkeit zur personalen Bindung ernst nehmen. Unsere Geschlechtlichkeit ist die Kraft, die uns zur wirklichen Liebe in all ihren Ausdrucksformen und zur Weitergabe von Leben befähigt.

Verschleudere diese Gabe nicht, bevor Du nicht körperlich wie seelisch reif dafür bist, die beiden Sinngehalte unserer Geschlechtlichkeit, zumindest grundsätzlich, bejahen zu können: erstens die Liebe, zweitens das Entstehen neuen Lebens.

Ich weiß, dass spätestens hier einige Deiner Altersgenossen sagen werden: „Die spinnt ja!Enthaltsamkeit, möglichst noch bis man den Richtigen gefunden hat? Das geht doch gar nicht!“

Doch – es geht, wenngleich Ihr es sicher heute schwerer habt als alle Generationen vor Euch. Aber, glaub es mir, es lohnt sich gerade hier, gegen den Strom zu schwimmen. Wer wirkt eigentlich glücklicher? Junge Menschen, die vor lauter Probieren und Üben – „Ich muss doch wissen, ob wir auch im Bett zueinander passen!“ den Mut zum Ernstfall und die Fähigkeit zur Bindung immer mehr verlieren, oder jene, die Selbstdisziplin und Offenheit für den anderen als wertvolle Aussteuer einbringen?

Nur letztere können sich gemeinsam Neuland erobern wie zwei Skiläufer einen unberührten Neuschneehang. Das, was die beiden und ihre Welt prägt, sind die eigenen, in Liebe gespurten Fährten. Selbst wenn „Wannen“ von kleineren Stürzen zeugen sollten, sind mir solche Neuschneelandschaften lieber als das unsymmetrische und unharmonische Spurengewirr eines Übungshanges.
Hinzu kommt, dass man beim Menschen nicht mit einer Pistenraupe unschönes oder gar gefährliches Spurenchaos ungeschehen machen kann. Alles, was Du je gesehen, erlebt oder getan hast, prägt Dich und hinterlässt Spuren.

Wenn junge Menschen – und sei es auf der Suche nach dem großen Glück – von Bett zu Bett hüpfen, dann entsteht dadurch eine seelische Hornhaut. Sie können gar nicht mehr wirklich lieben, weil die Ausdrucksmittel, die uns dafür zur Verfügung stehen, schal geworden sind.

Wenn einer viele küsst, mit vielen schläft, welche Zeichen der Liebe bleiben ihm eigentlich noch, wenn er wirklich zu lieben beginnt? Ob jemand der Richtige ist, stellt sich übrigens nicht gleich „im Bett“ heraus, sondern vorher auf all den Feldern, die unser Leben ausmachen. Es sind die Wertvorstellungen, die jemand mitbringt, seine Haltung zu Familie und Beruf, zu Politik, seine Hobbys und Freunde, sein Glaube. Gemeinsamkeiten in diesen

Bereichen sind die beste Voraussetzung für ein körperliches Zusammenpassen – nicht umgekehrt.

Freilich: Man kann sich irren; der vermeintlich Richtige kann doch der Falsche gewesen sein. Ebenso kann man sich täuschen über sich selbst in der Vorstellung, schon reif genug zu sein für ein Ja zu einer auch körperlich vollzogenen Liebe. Ich hoffe von Herzen, dass Dir solche Irrtümer erspart bleiben; denn sie verwunden und hinterlassen Narben.

Aber nicht nur Irren ist menschlich. Man kann auch mal „schwach werden“. Solche „Irrtümer“ und „Schwächen“ können heute durch AIDS für einen selbst und für den späteren Partner tödlich sein, der Griff zum Kondom kann Leben retten. Soviel muss jeder wissen!

Doch das allein reicht nicht. Unsere Sexualität hat eine ganz eigene, spezifisch menschliche Würde. Dies zu verschweigen und Euch ausschließlich Kondome zu empfehlen, sie gar in der Schule zu verteilen, wäre eine beispiellose Lieblosigkeit der für Euch Verantwortlichen.

Nimm Deine erwachende Sexualität dankbar an und gehe verantwortungsvoll mit ihr um! Dies wird Dir die größte Hilfe für ein glückliches und erfülltes Leben sein!

Es umarmt Dich

Deine Mutter

Veröffentlicht in: Michaela Freifrau Heereman, Christliche Erziehung und Tüchtigkeit, in: Pädagogik und Freie Schule, Heft 47.