Donnerstag, 9 Dezember, 2021

Bildung für die Zukunft

Lesezeit: ≈ 4 Minuten

Lobkowicz, Schulten, Stingl, Bendixen

Sammelband 07

15€


Bildung bedarf der Kontinuität zwischen den Generationen, der Weitergabe von Wissen, Erfahrungen, Einsichten durch Erwachsene an die jüngere Generation, die Bildung als Mitgift eigener Zukunftsgestaltung erhält. Die Weichen, wie diese Zukunft aussehen wird, stellen wesentlich jene, die in der Verantwortung für Erziehung und Bildung stehen. Die zunehmende Beschäftigung der Meinungsforscher mit den Einstellungen Jugendlicher, die uns jährlich eine Reihe wissenschaftlicher Studien und Untersuchungen beschert, hat wohl ihren Grund in den bangen Fragen vieler Erwachsener an die eigene Zukunft: Wie wird die heutige Jugend mit dem Wohlstandsvermächtnis, mit all unseren modernen Errungenschaften umgehen, wenn sie das Sagen hat? Wird sie ihre Leistung einfordern lassen oder sich passiv verhalten? Geht das ungeschriebene Gesetz des Generationenvertrags weiter auf? Die Ergebnisse sind so verschieden wie die Studien zahlreich.

Seit kurzem besinnen sich die für die Bildungsrichtung Verantwortlichen wieder mehr darauf, dass diese Fragen nur dann in dem erhofften Sinn beantwortet werden, wenn die Inhalte dessen, was weitergegeben wird an die Jugend, von dieser als bewahrenswert erkannt und empfunden wird. So fordert die Bundesregierung in ihrem bildungspolitischen Konzept vom Juni 1984 zur Sicherung der Zukunftschancen der Jugend in Ausbildung und Beruf zur Neuorientierung der Bildungspolitik an erster Stelle eine „Stärkung der erzieherischen Elemente und der Wertorientierung in Bildung und Ausbildung“, wobei das Grundgesetz und die Verfassungen der Länder für die grundlegenden Werte und Normen Richtschnur und Rahmen bieten sollen.

Die Einsicht, dass sich eine auf Zukunft angelegte Bildung weder in Gebrauchsanweisungen für neue Technologien noch in 0hlstandsmaximierungsrezepte1 erschöpfen kann, setzt sich immer mehr durch. Zugleich aber stößt der aufkeimende Wunsch, Haltungen zu vermitteln, mit denen die Zukunft zu meistern ist, häufig an die als schmerzlich empfundene Begrenztheit, tragfähige Lebenskonzeptionen zu vermitteln, da diese zunächst einer – wie immer bei Jugendlichen – kritischen Generation glaubhaft und durchgängig vorgelebt werden müssen. Das Zeitalter der Infragestellungen hat bei vielen Erwachsenen Unsicherheit zurückgelassen, oft ein Vakuum, das kaum die eigene Zukunft mit Hoffnung erfüllt, geschweige denn der kommenden Generation Orientierung und Richtschnur sein kann, so das sich diese oft alleingelassen fühlt mit ihren Ängsten, Befürchtungen und ungelösten Fragen.

Die Suche der Jugendlichen nach tragfähigen und wahren Antworten signalisiert den tiefen Wunsch, sich nicht mit Wissensvermittlungen zufrieden zu geben, sondern die Wirklichkeit, wie sie ist und warum sie so ist, die Wahrheit also, erfassen zu wollen, und das eben heißt in rechter Weise nach Bildung zu streben. Gerade dieses Bestreben der Jugendlichen forderte Papst Johannes Paul II. Ostern 1984 auf dem Petersplatz vor mehr als 10.000 jungen Menschen einmal mehr heraus: „Eure Anklage gegen die Widersprüche in der Welt der Erwachsenen wird um so wirkungsvoller und glaubwürdiger, je mehr ihr imstande seid, in erster Linie vor euch selbst das Beispiel eines auf das Rechte und Redliche gerichteten Willens zu geben, einer reifen Initiative, einer konsequenten Treue zu den positiven Linien des Lebens und zu den beständigen Werten wie Religiosität, Freiheit, Gerechtigkeit, Fleiß, Korrektheit, Zusammenarbeit, Frieden.“

Diese ganzheitliche Bildung der jungen Generation, die den ganzen Menschen mit all seinen Kräften und Fähigkeiten einbezieht, die sich nicht an Inhalten und Werten vorbeidrückt sondern sie vorlebt, ist die notwendige Investition in eine Zukunft, deren Bewältigung an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend Menschen fordert, die es gelernt haben, Lösungen geduldig zu suchen, mit Schwierigkeiten umzugehen und Probleme zu bewältigen, weil sie zu dieser persönlichen Verantwortung geführt wurden.
Eine solche Auseinandersetzung mit dem Begriff „Bildung“ steht am Anfang dieses siebten Sammelbandes zu aktuellen Erziehungsfragen. N. Lobkowicz zeigt auf, dass es der Natur des Menschen entspricht, erkennen, einsehen, verstehen, wissen zu wollen, und dass dieses Grundbedürfnis des Menschen weder durch Wohlstand noch durch technische Perfektion gestillt werden kann, weil in all dem keine Antwort auf die Frage aufleuchtet, was der Sinn davon ist.

Im zweiten Beitrag kommt mit R. Schulten ein Reaktorphysiker zu Wort, der die komplexen Zusammenhänge von Energiegewinnung und Umweltproblematik sachlich, kenntnisreich und verständlich darstellt und den oft nur irrationalen Angstgefühlen begegnet, indem er die Zukunft und ihre Aufgaben als Herausforderung an die Gestaltungskraft und Verantwortung des Menschen begreift.

Auf dem Hintergrund der bedrohlich hohen Arbeitslosenzahlen geht der langjährige Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, J. Stingl, vor allem der Frage nach, wie man jungen Menschen gerade jene Qualifikationen vermitteln kann, die sie befähigen, rasch, flexibel und mit den nötigen Kenntnissen versehen, auf die sich ständig wandelnden Anforderungen für die berufliche Zukunft reagieren zu können.

Der letzte Beitrag des Bandes von P. Bendixen ist die Umsetzung dieser Bildungsforderungen eines Kultusministers in die schulische Praxis. Sie hat neben der Familie die wichtigste Bildungs- und Erziehungsarbeit zu leisten, auf die jeder junge Mensch einen Anspruch hat und wovon er Grundlagen erwarten kann, die ihm die Chancen eröffnen, eine immer komplexer werdende Wirklichkeit zu durchschauen und den Anforderungen der Zukunft gerecht werden zu können.

Nikolaus Lobkowicz, geb. 1931; Studium der Philosophie in Erlangen und Fribourg/Schweiz; 1958 Promotion; 1967 Professor für politische Theorie und Philosophie an der Universität München; 1971 Rektor; 1975 82 Präsident der Universität München; Leiter des Geschwister-Scholl-Instituts für Politische Wissenschaften der Universität München; seit 1984 Präsident der Universität Eichstätt.

Rudolf Schulten, geb. 1923; Studium der Physik und Mathematik; 1949 Promotion über Kernphysik bei Prof. Heisenberg; 1953 wissenschaftlicher Assistent am Max-Planck-Institut in Göttingen; 1956 techn. Geschäftsführer der Brown-Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH Mannheim; seit 1964 Ordinarius für Reaktortechnik an der RWTH Aachen und Direktor am Institut für Reaktorenentwicklung der Kernforschungsanlage Jülich.

Josef Stingl, geb. 1919; Kriegsteilnehmer 1939 – 45; 1945 – 47 Bauarbeiter; 1947 – 52 Angestellter bei einer Wohnungsbaugesellschaft; seit 1948 Studium der Politik in Berlin; 1951 Diplom; ab 1955 Lehrbeauftragter der freien Universität Berlin; 1952 – 68 Angestellter der Industrie- und Handelskammer Berlin; 1953 – 68 MdB; 1968 – 84 Präsident der Bundesanstalt für Arbeit; Bundesvorsitzender der Ackermanngemeinde; 1976 Ehrensenator der Universität Mannheim; 1979 Dr. rer. publ. h. c.; 1983 Honorarprofessor an der Universität Bamberg.

Peter Bendixen, geb. 1943; Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie, 1969 erstes Staatsexamen in Kiel; 1972 Promotion; 1971 – 72 Studienreferendar; 1972 Zweites Staatsexamen, danach Studienrat z. A.; 1969 -70 Kreisvorsitzender, 1972 -73 Landesvorsitzender der Jungen Union; seit 1971 MdL; seit 1979 Kultusminister des Landes Schleswig-Holstein.

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