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Neben wirtschaftlichen und politischen Nebenwirkungen bringt die Covid-19-Pandemie auch eine neue Blüte von Legenden, Gerüchten und abenteuerlichen Theorien mit sich. Die sozialen Begleiterscheinungen erinnern entfernt an Großepidemien früherer Jahrhunderte – unter den veränderten Vorzeichen einer modernen High-Tech- und Kommunikationsgesellschaft. 

Aberglaube und die Suche nach Sündenböcken haben schon zur Zeit der großen Pest im 14. Jahrhundert in einem Klima aus Angst und Unwissenheit blühen können; sie tun es unter veränderten Vorzeichen auch heute wieder. Also „nicht Neues unter der Sonne“? Nicht ganz; denn Falsch- und Desinformation gibt es nicht nur im Bereich der Nachrichtenverbreitung oder der Propaganda („Fake News“), sondern auch in der Wissenschaft, „Fake Science“ gewissermaßen.

Fake Science toppt Fake News

Die Durchschlagskraft von „wissenschaftlich fundierten“ Halbwahrheiten oder Fälschungen ist in unseren Gesellschaften ungleich stärker, als die bloße Verbreitung wilder Gerüchte und Verschwörungstheorien, deren mangelnder Wahrheitsgehalt leichter festzustellen ist. 

Aber während die virologischen und epidemiologischen Fakten letztlich doch ans Licht kommen, ist das im Falle anderer „Fake Science“-Produkte ungleich schwieriger, besonders bei solchen, die in den Bereich der Soziologie gehören und fast unmerklich im Windschatten der Krise verbreitet werden.

Die Stunde der Dilettanten

So werden in den Medien zunehmend politische Botschaften der sog. Genderforschung verbreitet, die beweisen sollen, dass jetzt der Moment gekommen sei, weitere Instrumente aus ihrem Werkzeugkasten des Social Engineeringeinzusetzen, nun eben als „Reaktion“ auf die Corona-Krise, die angeblich die Dringlichkeit der Sache massiv erhöht habe. 

Eine deutsche  Politikerin verbreitet mit großer Vehemenz Forderungen, die darauf hinauslaufen, ein totales „feministisches“ Umkrempeln von Wirtschaft und Gesellschaft einzuleiten. Dabei gerät auch die Familienpolitik wieder in die Schusslinie. Eines der ersten Opfer soll gewiss das „Ehegattensplitting“ im Steuerrecht sein; es geht aber um mehr, um ein verbindliches  Festschreiben von geduldeten bzw. erwünschten Lebensstilen und Familienmodellen. 

Was eigentlich nur ein Fall von politischem Krisengewinnlertum zu sein scheint, eignet sich jedoch hervorragend als Beispiel für den Einfluss pseudowissenschaftlicher „Studien“ und „Forschungen“ im Bereich der Familienpolitik und Erziehung.

Pseudowissenschaftliche Ladenhüter

Schon vor Jahren tat sich ein Beratungsunternehmen in dieser Sache hervor, das sich – im Bunde mit Dozenten einer namhaften Universität – anheischig machte, den erstaunlichen Nachweis zu erbringen, dass Hausfrauen der eigentliche Feind der Innovation seien.[1]

Besagte Studie basierte auf bestimmten Fragen an Unternehmen in diversen Ländern und führte u.a. zu dem Ergebnis, dass nur ein genügend hoher Frauenanteil in Führungspositionen der Wirtschaft optimale Innovationsfähigkeit herstelle. 

Deutschland habe außerdem mit 70 Prozent eine viel zu niedrige Frauenerwerbsquote und junge Mütter blieben viel zu lange bei ihren Babys, statt nach der Entbindung zügig zurück in die Produktion zu streben und dort Bruttosozialprodukt und Innovationsfähigkeit zu steigern. Und überhaupt gehöre auch und ganz besonders das Ehegattensplitting abgeschafft, da es nur „traditionelle Rollenbilder für Männer und Frauen“ fördere, die aber geradezu Gift für die Innovationskraft unserer Ökonomie seien.

Man spürt die Absicht und ist verstimmt…

Als leuchtende Beispiele, wie es besser gehe, wurden, wie so oft, die nordischen Länder angeführt, in diesem Falle an allererster Stelle Island. Es fällt auf, dass zwar die nordischen Politikmodelle in leuchtenden Farben geschildert werden, ein überzeugender Beweis aber fehlt, wo denn nun die daraus resultierende enorme Innovationskraft zu finden ist. Man fragt sich, ob wohl im Ernst jemand annehmen kann, maximale Innovation werde dann erzielt, wenn der Staat durch Druck und Anreiz Väter und Mütter quasi permanent im Erwerbsprozess festhält…?

Fakten-Check, bitte!

Schon ein kurzer Blick in die jüngere Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte belegt, wie wenig glaubhaft diese geradezu Orwellsche Vision ist: Zählt nicht gerade Deutschland zu den innovativsten Ländern der Welt? Sind nicht Wirtschaftswunder, Nobelpreise, einsame Exportrekorde mit einem offenbar „veralteten“ und „innovationsfeindlichen“ Modell zustande gekommen? 

Es ist erstaunlich, wie sich innerhalb weniger Jahre auf der Grundlage von ein wenig Pseudowissenschaft das Meinungsbild in der Öffentlichkeit unter völliger Missachtung elementarer Tatsachen umdrehen ließ. 

Wenn sie nur oft genug wiederholt werden, entfalten Halbwahrheiten und Fake Science offenbar eine durchschlagende Wirkung, und dann bedarf es nur noch eines politischen Anlasses – oder einer Krise – um die „Erkenntnisse“ als angeblich entscheidungsreif auf die politische Bühne zu heben. Und jetzt ist es wohl wieder so weit. Dabei werden ernste Einwände und Fragen mit dem Verweis auf die angebliche „wissenschaftliche“ Fundierung vom Tisch gewischt.

Viel hilft viel?

Es ist aber eine Milchmädchenrechnung, maximale Erwerbstätigskeitsquoten mit maximaler Innovation gleichzusetzen. Eine solche Chimäre lässt sich vielleicht mit Suggestivfragen an Unternehmen schaffen, denen es um vollständige Ausnutzung des Arbeitskräftepotentials geht. Überzeugend ist das nicht.

Verzweckung des Menschen?

Es ist nicht nur innovationshemmend, sondern auch moralisch fragwürdig, Erwerbstätigkeit zum alleinigen Ziel und Seinszweck des Menschen zu machen und ihre Maximierung gegen Familie und Kindererziehung auszuspielen.

Wahlfreiheit?

Auch „Hausfrau und Mutter“ ist ein klassisches und erfolgreiches Berufsbild – eines, das in der Geschichte der Menschheit mehr zur Kreativität junger Menschen und damit zum Fortschritt beigetragen hat, als irgendeine kurzlebige Theorie des „Social Engineering“. Die ständige Herabwürdigung der Hausfrau und Mutter ist nicht nur verwerflich, sondern auch wirtschafts- und wissenschaftspolitisch ein schwerer Fehler.

Kindeswohl?

Kreativität gedeiht am besten bei einer harmonischen frühkindlichen Entwicklung; es ist entwicklungspsychologisch entscheidend, eine möglichst enge und anhaltende Bindung des Kleinkinds an die Eltern, insbesondere die Mutter, zu fördern. Das bringt mehr für Kreativität und spätere Innovation, als jede staatliche „Carrot-and-Stick“-Politik zur Steigerung lückenloser Erwerbsarbeit.

Triumph der Gleichförmigkeit?

Innovation und Kreativität setzen Freiheit und Vielfalt voraus – je schematischer und einförmiger die Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Familienpolitik, desto schlechter für ihre Förderung. Angesichts des demographischen Wandels ist ein kollektivistisches, kinderfeindliches Gesellschaftsmodell die schlechteste mögliche Antwort. Dagegen wäre es wichtig, Familien zu schützen und auf die frühkindliche Entwicklung mehr (und nicht weniger) zu achten.

Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft

Es fällt uns oft schwer, an mehr als ein kurzzeitiges Versehen zu glauben, wenn es um Verirrungen „wissenschaftlicher Forschung“ geht, denn Wissenschaft ist für uns fast ein Synonym für Zuverlässigkeit. Nun hat die Wissenschaftsgeschichte natürlich eine Vielzahl von Irrtümern und Missverständnissen aufzuweisen. 

Es sind aber weniger menschliche Schwächen, die Fehlleistungen und Irrtümer zur Folge haben – irren ist menschlich, und aus Fehlern können wir lernen. Es sind vielmehr ideologische Vorgaben, die zu den schwersten Irrtümern und Verfälschungen führen. Je stärker ein sachfremdes erkenntnisleitendes Interesse die Forschung bestimmt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei der „Forschung“ ein Ergebnis „wie gewünscht“ heraus kommt. Und so etwas kann man guten Gewissens als „Fake Science“ bezeichnen.


[1]Till Neuscheler, „Hausfrauen sind der Feind der Innovationen“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 21. 12. 2016.