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In der ehelichen Gemeinschaft stehen zwei Menschen sich ohne Maske gegenüber. Jeder wird „um seiner selbst willen“ geliebt, aufgrund dessen, was er ist, und nicht dessen, was er hat. Man braucht sich nicht zu rechtfertigen und zu verteidigen, nicht durch Leistungen die Gunst erwerben. Nach sechszehn Ehejaaren erzählte eine Frau: „Mein Mann sagt immer: ‚Ich habe dich geheiratet, weil ich es als selbstverständlich betrachten wollte, daß du da bist.‘ Das klingt zwar nicht sehr charmant, doch er meint damit: ‚Bei dir fühle ich mich wohl. Auf dich kann ich mich verlassen.

Geborgenheit

Es ist schön zu wissen, daß ich nicht dauernd um dich kämpfen oder einen guten Eindruck auf dich machen muß.'“ Er meint damit auch: „Ohne dich kann ich mich selber nicht verstehen. Du gehörst zu mir. Du bist meine bessere Hälfte.“

Ein entscheidender Augenblick in der Liebe zweier Menschen ist dann gegeben, wenn beide spüren, daß sie einander gehören. Diese Entdeckung begründet eine tiefe Vertrautheit und damit das Bedürfnis nach Geborgenheit in beide Richtungen: Man möchte den anderen bergen und sich von ihm bergen lassen.

Neue Kraft

Viele glückliche Eheleute haben längst darauf verzichtet, sich gegenseitig imponieren zu wollen. Jeder kann vor dem anderen ganz einfach Mensch sein, sich von allen Zwängen und Rollenspielen der Gesellschaft erholen. Dadurch schöpfen beide neue Kraft für neue Taten. Was macht es schon aus, daß man müde ist und sich schwach fühlt, wenn es einen Menschen gibt, der alles versteht? Was macht es aus, daß man sich täglich im Büro ärgert, wenn es einen Menschen gibt, bei dem man alle Sorgen abladen kann – und dessen Liebe mehr zählt als sämtliche Beleidigungen?

Zuhören

Natürlich ist es gar nicht immer einfach, in der Ehe ein Klima der Geborgenheit zu schaffen. Das erfordert Zeit und Einsatz; es ist sicher nicht nur eine Feierabendbeschäftigung. Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte des Partners müssen ernst genommen werden, psychische Belastungen und Empfindlichkeiten ebenfalls. Manchmal ist es angebracht, Unerfreuliches fernzuhalten, peinliche Situationen zu überbrücken, die innere Verletzlichkeit des anderen zu bedenken. Zweifellos gehört es auch zur Liebe dazu, mit wirklichem Interesse zuzuhören, was auch immer der andere zu erzählen hat. Kürzlich sagte ein (unglücklich) verheirateter Mann: „Früher habe ich sehr gern Geschäftsreisen gemacht, doch heute habe ich keine Freude mehr daran: Denn es gibt niemanden, dem ich hinterher davon erzählen könnte.“ Die Bereitschaft aufzunehmen, zu empfangen, am Leben des anderen teilzunehmen ist sicherlich eines der größten Geschenke, das man einem anderen Menschen machen kann. Leider gibt es viele, die zuhören und sogar Ratschläge erteilen, ohne innerlich beteiligt zu sein. Sie nehmen das, was der andere sagt, nicht ernst, und genauso wenig ernst nehmen sie ihre eigenen Antworten.

Geheimnisse

Ein häufiges Zeichen für Vertrautheit ist, ein Geheimnis zu teilen. Jede Ehe hat ihr Geheimnis, etwas, das nur den Partnern bekannt ist. Dabei kann es sich um ganz banale Dinge handeln, etwa daß sie die letzte Familienfeier unerträglich fand, oder daß er unter Höhenangst leidet. Jeder zeigt sich dem anderen, wie er ist. Man schämt sich nicht voreinander. Je näher die Ehepartner sich stehen, desto wahrscheinlicher ist es, daß das Geheimnis gewahrt wird. Wer jedoch das Wissen über den anderen mißbraucht, zeigt, daß er keine Liebe mehr hat.

Vertrautheit

Der Grad der Vertrautheit in einer Ehe hängt in hohem Maße davon ab, daß beide das Gefühl haben, dem anderen wichtiger zu sein als alles andere. In Gesprächen mit geschiedenen Frauen hört man überraschend oft: „Mein Mann gab mir nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein; ich bedeutete ihm nicht mehr als andere Menschen. Er machte sich keine Sorgen um mich; ich war ihm egal.“ Wenn wir auf einem Flughafen festsitzen und erfahren, daß wir mit einigen Stunden Verspätung nach Hause kommen, dann laufen wir zur nächsten Telefonzelle und rufen den an, der uns erwartet, damit er sich keine Sorgen mache. Und wenn wir niemanden haben, den wir anrufen können, weil eben niemand uns erwartet – dann fühlen wir uns vielleicht sehr einsam

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Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.