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Beichten ist nicht „in“ oder „angesagt“, selbst bei regelmäßigen Kirchgängern. Die Alltagssprache weist zwar noch Spurenelemente der einstmals selbstverständlichen „Praxis Pietatis“[1] auf, wenn man zum Beispiel zu jemandem sagt „ich muss Dir was beichten…“. Aber dabei geht es fast nie um ernste Sachen, sondern eher um Banalitäten des Alltags („…ich habe vergessen die Tickets zu kaufen“). Eine interessante Besonderheit findet sich noch in der Sprache der internationalen Diplomatie, wenn es darum geht, Verhandlungen im europäischen Rahmen zu deblockieren, wozu dann der Präsident des Europäischen Rates im „Beichtstuhlverfahren“ Einzelgespräche mit den verschiedenen Regierungschefs führt. Im vertraulichen Gespräch lässt sich manch ein Knoten lösen und ein Verhandlungsergebnis erreichen. Hinter diesen sprachlichen Indizien schimmert immerhin noch etwas von dem uralten Wissen durch, dass man in der Beichte einen Ausweg aus scheinbar hoffnungslosen Situationen findet.

„Beichtgeheimnis“

Das Beispiel aus der Diplomatie lässt in dem Element der Vertraulichkeit noch erkennen, dass es ein unverletzliches „Beichtgeheimnis“ gibt, ähnlich der ärztlichen Schweigepflicht. Und damit sind wir auch schon mitten drin im Geheimnis der Beichte. Da ist der Priester, frei von Eigeninteresse, mit einer bestimmten Autorität von höherer Stelle ausgestattet, der auf die Anliegen, Sorgen und Nöte des Einzelnen eingeht, der ihm da gegenüber sitzt. Heute sind formlose Beichtgespräche in Wohnzimmeratmosphäre im Allgemeinen beliebter als der klassische Beichtstuhl. Dabei hat letzterer doch auch viel für sich – die Stille und Diskretion, das äußerliche Heraustreten aus den Rollen und Kontrollen von Beruf und Alltag. Die Ruhe und Abgeschiedenheit des Beichtstuhls macht es oft leichter über Dinge zu sprechen, die in „normalen“ Kommunikationssituationen nicht so recht über die Lippen kommen wollen.

Psychotherapie?

Die Beichte wird gern mit dem Besuch beim Psychotherapeuten verglichen. Daran ist viel Wahres, aber es ist noch keine hinreichende Erklärung. Wie beim Therapeuten oder Psychiater kann es in der Beichte um seelische Nöte und Probleme gehen. Ein erfahrener Beichtvater wird aber schnell merken, wenn er es mit einem klinischen Befund zu tun hat, der einer medizinischen Behandlung bedarf; entsprechend wird er zum Arztbesuch raten. Trotzdem wäre ein Beichtgespräch damit nicht zwangsläufig beendet, denn hinter medizinischen, psychischen Problemen verstecken sich nur zu oft auch spirituelle. Und die können so schwer wiegen wie jede Krankheit, oder sogar noch mehr. Davon kann die Beichte befreien. Wenn es ein Wort gibt, das die persönliche Erfahrung mit einer guten Beichte beschreibt, dann ist es „Erleichterung“. Unzählige Menschen machen diese Erfahrung: Dass ihnen in der Beichte eine Last genommen wird, „ein Stein vom Herzen fällt“.

Eine gute Gewohnheit

Das klingt nun vielleicht ein wenig zu sehr nach Lebenskrise und schwerer Not. Dafür ist die Beichte natürlich auch da; aber in den allermeisten Fällen geht es eher um Alltägliches und „Normales“, und nur gelegentlich um existenzielle Fragen oder gar um Leben und Tod. Auch und gerade solche Alltagsbeichten, in denen wir nur scheinbare „Kleinigkeiten“ aufarbeiten, sind aber für die psychische Gesundheit und die spirituelle Balance sehr wichtig. Zu vielen existenziellen Krisen käme es gar nicht, wenn das buchstäblich über Jahrtausende bewährte Mittel der Beichte mehr genutzt würde[2].  Es ist wie mit anderen guten Gewohnheiten: regelmäßiger Sport hält beweglich, gute Ernährung stärkt die Widerstandskräfte, Achtsamkeit und Empathie im Umgang mit anderen Menschen schützen vor Konflikten. Und was im physischen oder sozialen Bereich stimmt, ist auch im seelischen wahr.

Aussprechen

Die Beichte hilft uns dabei, mit unseren Problemen besser fertig zu werden, sie überhaupt zu erkennen. Es hat etwas ungemein Befreiendes, geradezu etwas Erlösendes, einfach einmal alle Schutz- und Verteidigungshaltungen aufgeben zu dürfen, ohne dabei etwas zu riskieren, geschützt vom Beichtgeheimnis und in dem Wissen, dass wir nicht dem Priester beichten, sondern Gott allein. In keiner anderen Situation unseres Lebens können wir die uneingestandene ständige Spannung in unserem Innern so gänzlich abbauen, Entspannung in einem tiefen Wortsinne erfahren. Mehr als in jeder Meditation und tiefer als in jeder Therapie. Wenn wir uns nur darauf einlassen …

Es lohnt sich

Um die anfängliche Befangenheit zu überwinden, hilft es schon, sich einmal in den guten alten Beichtstuhl zu setzen, zunächst vielleicht bei einem fremden Pfarrer in einer anderen Gemeinde, wenn uns das leichter fällt.  Anhand der Anregungen eines „Beichtspiegels“[3] kann man die Themen und Fragen finden, die zur Gewissenserforschung helfen und die Beichte strukturieren. Man kann auch gar nichts falsch machen, denn es gibt keine schwierigen Regeln oder komplizierte Formate. Man muss nur ehrlich zu sich selbst sein – und zu Gott, denn er ist es, dem wir wirklich unser Herz ausschütten. Und selbst wenn wir nicht sofort eine subjektive Veränderung spüren, dürfen wir doch sicher darauf vertrauen, dass sich objektiv schon etwas getan hat[4]. Garantiert ohne Nebenwirkungen. Es lohnt den Versuch.

Und wer nun meint, das sei doch alles nur etwas für alte und altmodische Menschen, der schaue sich einmal Bilder von Weltjugendtagen oder Wallfahrten an, bei denen jungen Menschen scharenweise für Beichtgelegenheiten anstehen, ganz offen und vor aller Augen. Sie wissen, dass sie nicht für die Kirche oder für den Pfarrer zur Beichte gehen, sondern dass sie im „Sakrament der Versöhnung“ Gott begegnen. Die strahlenden Gesichter dieser jungen Leute sind das schönste Zeugnis für den Nutzen – besser gesagt: den Segen – der von der Beichte ausgeht.


[1]Zum Glaubensleben gehörende „Frömmigkeitsübungen“, wie der Kirchgang, das Fasten, ggf. Wallfahrten etc.

[2]Die Beichte ist übrigens nicht nur „etwas für Katholiken“. Es ist bekannt, dass Martin Luther die sog. „Ohrenbeichte“, d.h. das Einzelgespräch des Gläubigen mit dem Pfarrer nie abschaffen wollte. Und bis zum heutigen Tag gibt es auch in der evangelischen Kirche die Möglichkeit eines Beichtgespräches.

[3]Gewissermaßen eine „Gebrauchsanweisung“ für die Beichte, mit einfachen Ratschlägen zur  Gewissenserforschung; findet sich u.a. in jedem Gebetbuch, das normalerweise in der Kirche ausliegt.

[4]Genau das macht ihren sakramentalen Charakter aus. Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, Nr. 250 u. 296 ff.