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(Foto: Disney)

Filmische Qualität:   4,5 / 5
Regie:Robert Zemeckis
Darsteller:Jim Carrey, Gary Oldman, Colin Firth, Robin Wright Penn, Bob Hoskins, Daryl Sabara, Fay Masterson, Molly C. Quinn
Land, Jahr:USA 2009
Laufzeit:96 Minuten
Genre:Literatur-Verfilmungen
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:11/2009
Auf DVD:10/2010

Charles Dickens’ im Dezember 1843 erschienene Erzählung „A Christmas Carol” („Eine Weihnachtsgeschichte“) gehört zu den meist verfilmten literarischen Stoffen schlechthin, wurde er doch etwa fünfzigmal für das Kino oder das Fernsehen adaptiert. 

Robert Zemeckis hat die aktuelle Filmfassung „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ in der so genannten Motion-Capture-Technik realisiert, die der amerikanische „Forrest Gump“-Regisseur bereits in zwei früheren Spielfilmen angewandt hatte: „Der Polarexpress“ (2004, siehe Filmarchiv) und „Die Legende von Beowulf“ (2007). Die „Motion Capture“-Technik (deutsch etwa „Darstellungsaufzeichnung“) speichert die Bewegungen und die Mimik eines Schauspielers, die auf eine im Computer animierte Figur übertragen werden. Je nach Verfremdungsgrad scheint der echte Schauspieler durch die Figur mehr oder weniger durch. 

Das Besondere an Zemeckis Film liegt indes daran, die neuartige Technik mit einer bemerkenswerten Originaltreue zu verknüpfen. Um dies zu betonen, greift der Film auf ein bei Klassiker-Verfilmungen beliebtes Stilmittel zurück: Das Buch wird aufgeschlagen, die Zeichnung von John Leech geht in das erste bewegte Bild über. Werktreue heißt hier aber auch: Der Zeichnungsstil bleibt ebenfalls den von John Leech geschaffenen Illustrationen für die Erstausgabe von Dickens’ moralischer Erzählung sehr nah.

Ebenezer Scrooge (Jim Carrey) erscheint als alter, geiziger Menschenfeind, der das Weihnachtsfest so sehr hasst, dass vor ihm Kinder weglaufen und der Kirchenchor verstummt. Auf die Glückwünsche zum Weihnachtsfest seitens seines herzlichen Neffen Fred (Colin Firth) reagiert Scrooge mit einem „Humbug!“. Scrooges karikaturhafte Gestalt erinnert an den Hehler Fagin in „Oliver Twist“, insbesondere an dessen Darstellung durch Alec Guinness in der klassischen „Oliver Twist“-Verfilmung von David Lean (1948).

Selbst ein Widerling wie Ebenezer Scrooge kann aber umkehren. Den zutiefst christlichen Kern der Erzählung von Charles Dickens setzt Robert Zemeckis kongenial in Szene. Zunächst erscheint ihm am Heiligen Abend der in Ketten gelegte, furchteinflößende Geist seines ehemaligen Geschäftspartners Marley (Gary Oldman), der Scrooge vor einem ewigen, ruhelosen Umherziehen in vom eigenen Geiz geschmiedeten Ketten warnt, sollte er sein Leben nicht ändern.

In dieser Nacht wird der Geizhals von drei (von Jim Carrey selbst dargestellten) Geistern heimgesucht, die ihn auf eine Zeitreise mitnehmen, bei der die Folgen seiner Kaltherzigkeit offen zu Tage treten. „Der Geist der vergangenen Weihnacht“ entführt Scrooge in seine Kindheit und Jugend, bis er seine Verlobte Belle (Robin Wright Penn) aus Liebe zum Geld aufgab. Der „Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht“ zeigt dem Geizkragen die Welt, wie sie in Wirklichkeit ist. So lernt Scrooge die beengten Verhältnisse kennen, in denen die Familie seines treuen Buchhalters Bob Cratchit (Gary Oldman) lebt, dessen jüngster Sohn Klein Tim schwerbehindert und todkrank ist. Der stumme „Geist der zukünftigen Weihnacht“ führt Scrooge die Zukunft vor Augen: Nach dem Tod eines Unbekannten unterhalten sich Geschäftsleute über dessen Reichtümer, andere teilen seine Bettwäsche und sonstige Habseligkeiten unter sich. Wer der Tote ist, erfährt Scrooge mit Entsetzen auf dem Friedhof.

Jede der drei Episoden besitzt eine je eigene Anmutung: Weil der Geist der vergangenen Weihnacht als Kerze mit leuchtendem Feuer dargestellt wird, fällt das Produktionsdesign dementsprechend hell aus. Die durch die lebendige Musik unterstützten Kamerafahrten durch die Straßen Londons und auf dem Land sind rasant gestaltet. Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht erscheint jedoch als auf einem Berg Weihnachtsgeschenke ruhender Riese. Der ihn und Scrooge umgebende Raum bewegt sich, der Fußboden öffnet sich, damit der alte Pfennigfuchser die Welt betrachten kann, die sich jedoch nicht mehr so hell wie in der ersten Episode zeigt. Es geht immer surrealer zu, bis mit dem Tod des Geistes der gegenwärtigen Weihnacht die hässlichen Kinder der Menschen „Unwissenheit“ und „Mangel“ zum Vorschein treten. Noch düsterer geht es im dritten Kapitel zu, bis in der Dunkelheit nur noch die roten Augen der Pferde leuchten, die den Leichenwagen ziehen.

„Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ ist als 3-D-Film konzipiert. Deshalb gehören blitzschnelle Kamerafahrten, aufsehnerregende Perspektiven mit ungewohnten Raumeffekten wesentlich zur Dramaturgie eines Filmes, der wegen seiner Düsterheit unzweifelhaft kein Kinderfilm ist. 

Getreu der Buchvorlage handelt Robert Zemeckis Film von Erlösung durch Umkehr. Im Angesicht des Todes ergreift der kaltherzige Ebenezer Scrooge seine zweite Chance, und ändert sich. Das letzte animierte Bild verschmilzt erneut mit John Leechs berühmter Abbildung in Dickens’ Erzählung. Es zeigt einen geläuterten, lebensfrohen und menschenfreundlichen Scrooge.