Schnittstelle zum Transzendenten
Zu den geheimnisvollsten und zugleich schönsten Begebenheiten, von denen uns das Neue Testament berichtet, gehört die sog. Verklärung Jesu1. Jesus nimmt drei seiner Jünger mit auf einen Berg2. Er sucht oft die Einsamkeit zum Beten; nun aber nimmt er die Jünger mit. Und ihnen eröffnet er für einen unschätzbaren Moment einen Blick in jene Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit. Vor ihren Augen wird gewissermaßen der Schleier des Kontingenten weggezogen, der unser Erkennen beschränkt, und sie können für einen Augenblick Jesus in seiner Gottheit direkt wahrnehmen.
Gefangen in der conditio humana
Unabhängig vom tieferen Sinn dieser wunderbaren Begebenheit stimmt sie uns in einem persönlichen Sinne nachdenklich: Wie wäre es, wenn auch wir einmal, nur für einen kurzen Moment, so direkt und klar sehen könnten? Der Apostel Paulus beschreibt unsere menschliche Situation treffend: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13, 12).
Aber wie schön wäre es, wir könnten hier im Diesseits schon einmal jene direkte Sicht erleben! Müssten dann nicht mit einem Schlag alle Anfechtungen und Zweifel von uns abfallen? Wie Schuppen von den Augen… Was für eine Befreiung wäre das! Und was für eine Bestätigung unseres Glaubens! Wäre damit nicht alles gewonnen und unser Leiden an der conditio humana3 quasi aufgehoben?
Dieser Gedanke ist naheliegend, verständlich, zutiefst menschlich; aber er zeigt uns zugleich, wie schwer es uns oft fällt, „einfach“ zu glauben und zu vertrauen. Wir wollen eben doch allzu gerne einen Beweis, etwas Greifbares, Unbezweifelbares; auch etwas, das wir in unserem säkularistischen, zunehmend glaubensfeindlichen Lebens- und Arbeitsumfeld als Bestätigung empfinden können, quasi als Rechtfertigung vor uns selbst…
Kein Grund zur Traurigkeit
Aber deshalb müssen wir uns nicht schlecht oder schuldig fühlen. Von vielen großen Heiligen wissen wir, dass auch sie durch Phasen der Dunkelheit und spirituellen Dürre gegangen sind, dass sie von Anfechtungen und sogar Zweifeln gepeinigt wurden, dass sie sich Fragen gestellt haben, die auch uns manchmal plagen: Hört Gott mich überhaupt? Oder ist mein Gebet nur ein innerer Monolog? Besonders eindrucksvolle Zeugnisse darüber sind zum Beispiel von der hl. Térèse de Lisieux bekannt, oder auch von Mutter Teresa. Da sind wir also in guter Gesellschaft.
Außerdem sollten wir nicht vergessen: Auch die drei Jünger, die mit Jesus auf dem Berg waren, und die sahen, was niemand sonst sehen kann, mussten wieder zurück in das normale Leben. Und darin lebten sie wie die anderen, und nicht als stets selbstgewisse Superhelden. Trotz des unerhörten Erlebens fielen sie zurück in die Beschränktheit des profanen Alltags. Wie schwer und tränenreich war noch der Weg des Petrus, trotz jener einzigartigen Transzendenz-Erfahrung!
Praxis Pietatis
In Zeiten innerer Verunsicherung oder spiritueller „Dürre“ können wir auf den Rat des großen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert hören. Er riet einem Freund, der seinen Glauben verloren hatte und darunter litt, er möge doch einfach mit der Praxis Pietatis, den Frömmigkeitsübungen einfacher Gläubiger, wieder beginnen: Beten und zur Kirche gehen, sich einlassen auf die Möglichkeit der Begegnung mit Gott.
Das ist ein weiser Ratschlag auch und gerade für unsere Zeit, in der wir mit allen möglichen Rezepten zur Selbstoptimierung überschüttet werden, ohne darin viel Trost zu finden. Innere Ruhe findet man nicht durch hektische Betriebsamkeit. Bildlich gesprochen: Ein Nichtschwimmer, der aus dem Wasser gerettet werden will, sollte aufhören, wild um sich zu schlagen und stattdessen die Hilfe des nahenden Retters zulassen.
Lassen wir uns einfach auf das Gebet ein. Von Jesus selbst wissen wir, dass „das Himmelreich“ findet, wer es wie ein Kind annimmt (Mk 10, 14 f.). Wir sollen natürlich nicht kindisch werden; vielmehr sind wir aufgerufen, uns mit kindlichem Vertrauen auf die Begegnung mit Gott einzulassen, wie ein kleines Kind gegenüber seinen Eltern. Dann werden wir im Gebet schließlich auch seine Antwort finden.
1Alle drei synoptischen Evangelien berichten darüber: Mt 17, 1-9; Mk 9, 2-10; Lk 9, 28-36.
2Diesen drei Jüngern – Petrus, Jakobus und Johannes – war jeweils noch eine besondere Rolle zugedacht, und das könnte der Grund gewesen sein, warum sie für eine ganz außergewöhnliche Transzendenzerfahrung ausgewählt wurden.
3Die Befindlichkeit des Menschen als fehlbares, sterbliches Geschöpf.
