Es gibt eine große Vielfalt von Gebeten, und darin spiegelt sich die Vielfalt des menschlichen Lebens. Es gibt „eigene“ Gebetsworte und „empfangene“[1]: Bitt- und Dankgebete, Lobpreis und Fürbitte, kontemplatives und mystisches, persönliches und liturgisches, mündliches und betrachtendes Gebet. Einige davon sollen hier kurz behandelt werden.
2.1 Das persönliche Gebet
Die natürlichste Form des Gebets ist sicher das spontane, individuelle, persönliche. Wir wenden uns an Gott mit unseren Sorgen und Bitten, mit Dank und Erleichterung; manchmal aber auch einfach so, ohne spezielles Anliegen, weil es uns guttut. Das ist „natürlich“, weil es dem menschlichen Wesen entspricht und weil wir zum dreifaltigen Gott so reden können wie ein Kind zu seinen Eltern.
Spontaneität
Auch Menschen, die lange nicht mehr, oder noch nie gebetet haben, kommen gelegentlich in Situationen, in denen es regelrecht aus ihnen herausbricht: in existenzieller Not, in großem Leid oder auch in überwältigender Freude. Oft wenden wir uns ganz spontan, ohne viel zu überlegen – und quasi „unbeobachtet“ vom materialistischen Zeitgeist – wieder an Gott, selbst wenn wir im Alltag kein Wort über ihn verlieren. Und das Gebet braucht auch nicht unbedingt viele Worte; denken wir nur an das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner, in dem der bußfertige Beter einen einzigen Satz spricht[2]. Es gibt sogar die Auffassung, nur solch ein spontanes, aus dem Innersten hervorbrechendes Gebet sei das richtige[3].
Ausdauer
Aber jedes echte Gebet ist Begegnung und Gespräch mit Gott[4], unabhängig davon, ob wir es immer persönlich zutiefst empfinden. Das gilt auch dann, wenn wir uns spirituell „ausgetrocknet“ fühlen, nicht richtig motiviert sind, abgelenkt, verunsichert und wenn wir beim Beten „nichts spüren“. Auch in einer solchen, gar nicht so seltenen, Situation[5] ist es ratsam, nicht aufzugeben und dennoch zu beten, im Vertrauen darauf, dass es niemals ins Leere geht.
Beharrlichkeit ist gut für uns; lassen wir uns nicht entmutigen, wenn die innere Sammlung nicht gelingt, wenn wir gestört werden – von inneren oder äußeren Störfaktoren – und das Gebet immer wieder verkürzen oder abbrechen. Wichtig ist, die Verbindung zu Gott nicht aufzugeben. Wenn wir realisieren, was es heißt, dass wir „Kinder Gottes“[6]sind, egal was unsere Stellung in der Welt sein mag, dann trauen wir uns auch, den Herrn mit unseren Sorgen und Bitten regelrecht zu bestürmen, wie ein Kind seinen Vater.
Vorbereitung
Doch sind eine gewisse Regelmäßigkeit und ein wenig Struktur immer hilfreich – wie bei körperlicher Fitness oder beim Lernen und Studieren. Also auch im Gebetsleben. So ist es gut, das Gebet möglichst an einem Ort zu halten, der uns einen Moment der Ruhe gewährt, in einer Kirche, daheim in der „Kammer“[7], oder auch, wenn das nicht geht, an anderer Stelle, in der Natur und sogar irgendwo in der Stadt, wenn wir einen ruhigen Platz finden. Wir brauchen eben ein Mindestmaß an innerer Stille, Schweigen, Absehen von den Aufgeregtheiten des Tages. Natürlich hört Gott auch in Lärm und Trubel unser Gebet; aber uns tut es gut, wenn wir zur Ruhe kommen.
Regelmäßigkeit
Am besten suchen wir uns im Tagesverlauf feste Zeiten für unser Gebet, schon damit die Zwänge des Alltags nicht dazu führen, dass wir es bald wieder aufgeben. Es lohnt sich sicher, den Tag so zu beginnen und / oder zu beenden. Aber auch sonst können wir uns angewöhnen, zu einer bestimmten Stunde kurz zum Beten innezuhalten. In der monastischen Tradition gibt es das Stundengebet. Das lässt sich zwar kaum mit dem normalen Alltagsleben vereinbaren; es kann aber eine Anregung sein, bestimmte Tageszeiten für einen Moment der Rückversicherung mit dem Schöpfer zu reservieren.
Eine sehr schöne Tradition, die in jeden noch so vollen Tagesablauf passt, ist das Angelus-Gebet[8], das in der Regel zur Mittagsstunde verrichtet wird. Es dauert vielleicht eine Minute, aber es erinnert uns an das größte Ereignis der Weltgeschichte: die Menschwerdung Gottes. Und damit sind wir schon bei anderen Gebetsformen, die für unser Glaubensleben mindestens ebenso wichtig sind, wie das persönliche Gebet.
2.2 Geprägte Gebetsformen
Zu den geprägten oder „empfangenen“ Gebetsformen gehören das liturgische Gebet im Gottesdienst, aber auch viele wunderbare, tradierte Tag- und Nachtgebete[9] zum individuellen Gebrauch aller Gläubigen.
Vaterunser
An erster Stelle ist natürlich jenes zu nennen, das Jesus uns selbst gelehrt hat: das Vaterunser[10]. Darin ist alles enthalten, was unser Verhältnis zu Gott bestimmt und was wir je von ihm erbitten können. Sehr oft wird es reichen, ein Vaterunser zu sprechen, wenn uns etwas auf der Seele liegt, wenn wir orientierungslos, verunsichert und unter Stress sind, oder auch wenn wir uns dankbar und glücklich fühlen. Selbst in Extremsituationen, wenn nichts anderes mehr geht, ist das Vaterunser ein sicherer Anker für unser Verhältnis zu Gott und unser eigenes Leben und Überleben. Halten wir uns an die Zusage Jesu: „…euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6, 8b).
Meditatives Gebet
Viele Menschen suchen Ruhe und Erhebung in diversen modischen Formen von Meditation. Dabei wird manchmal der große Reichtum christlicher Spiritualität übersehen, der das Meditative mit der personalen Begegnung verbindet: Spirituelle Tiefe ohne übertriebene Selbstbezogenheit, Erfüllung statt Leere, Versenkung mit Blick auf ein Gegenüber: Gott.
Wer einmal die wunderbare Wirkung z.B. des Rosenkranzgebets[11] erfahren hat, wird dieses nicht mehr missen wollen. Es bedarf einer gewissen Einübung, birgt aber eine Fülle an geistlicher Erfahrung und Erkenntnis.
Liturgisches Gebet
Die liturgischen[12] Gebete im Verlauf der Hl. Messe sind alles andere als bloße Formeln oder Formalien. Sie bergen einen der wertvollsten Schätze der Kirche, denn sie sind aus zwei Jahrtausenden gelebter Glaubenspraxis erwachsen. Im liturgischen Gebet vereinen wir uns mit allen Gläubigen, und das ganze Geheimnis der Menschwerdung Gottes und der Erlösung ist darin gespiegelt. Zudem wird auch in jeder Messfeier die Brücke vom Neuen zum Alten Testament geschlagen, zum Beispiel in den Lesungen und im Psalmengebet.
Die in diesem Sinne „liturgischen“ Gebete haben jedoch nicht ausschließlich im Gottesdienst ihren Platz. Wir können sie auch individuell beten – sei es das Vaterunser, das ja in keiner Hl. Messe fehlt, die Psalmen, das Sündenbekenntnis oder jegliche Art von Fürbitten.
Bewusst mitbeten
Es lohnt sich also, nicht nur hinzuhören, sondern die Gebete im Gottesdienst bewusst mitzubeten. Das kann uns zunächst schwerfallen, sei es wegen zu großer Vertrautheit mit den Texten, die wir schon allzu sicher auswendig kennen, oder aus einem Gefühl der Fremdheit, wenn sie uns noch nicht so richtig zugänglich scheinen. Aber in jedem Falle können wir uns erst einmal ein einzelnes Gebet heraussuchen und vertiefen: das „Sanctus“ zum Beispiel, oder das „Agnus Dei“. Dazu hilft es auch, bei Gelegenheit in einem passenden Werk einen Abschnitt darüber zu lesen[13].
(Wird fortgesetzt)
[1]Vgl. Romano Guardini: Vorschule des Betens. Ostfildern. 15. Aufl. 2024. S. 96 ff.
[2]Ein schönes Beispiel für ein „Stoßgebet“: „Gott, sei mir Sünder gnädig“; Lk 18, 14.
[3]Vgl. Guardini, a.a.O. S. 11 ff.
[4]Vgl. Teil 1 dieses Beitrags: https://erziehungstrends.info/was-heisst-hier-fastenzeit
[5]Diese Erfahrung der „Trockenheit“ haben auch viele große Heilige gemacht, zum Beispiel die Hl. Thérèse von Lisieux oder auch Mutter Teresa. Von ihnen gibt es ergreifende Zeugnisse darüber. Sie haben schwere Krisen bewältigt und können uns darin Vorbild und Ermutigung sein.
[6]Vgl. Josemaría Escrivá: Der Weg. 8. Aufl. Köln 1978. Nr. 875 ff.
[7]Mt 6, 6.
[8]„Der Engel des Herrn“; vgl.: Geborgen in Gott. Tag- und Nachtgebete. Köln 1985. S. 92 f.
[9]Vgl. in Anm. 8 Geborgen in Gott. Das Büchlein enthält einen reichen Fundus an schönen Gebeten.
[10]Vgl. https://erziehungstrends.info/category/vaterunser
[11]Vgl. https://erziehungstrends.info/category/rosenkranz
[12]Liturgie (altgriech. Λειτουργία): Kultischer Dienst, gottesdienstliches Handeln.
[13]Vgl. z.B.: Javier Echevarría: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Die Heilige Messe im Leben des Christen. Köln 2011.
