Anekdoten für den Smalltalk?

Die Sache mit Jesus, wie er auf dem Wasser geht[1], gehört, zusammen mit der Verwandlung von Wasser in Wein[2], zu den bekanntesten, aber oft unverstandenen Geschichten aus dem Neuen Testament. Beliebt sind beide Begebenheiten im Smalltalk, unter gläubigen wie nicht gläubigen Leuten; manchmal bietet es sich wohl an, beim Fachsimpeln über Weinbau eine scherzhafte Bemerkung über das Weinwunder fallen zu lassen, oder beim Ausflug an einen See augenzwinkernd zu sagen „also ich kann nicht auf dem Wasser gehen…“. Selbst Menschen, die fast nichts über Jesus wissen und noch nie eine Zeile aus der Bibel gelesen haben, erwähnen gern einmal eine dieser beiden wunderbaren Begebenheiten. Man kennt das ja irgendwoher und findet es amüsant…

Schwieriges Predigtmaterial

Umgekehrt verhält es sich zuweilen bei Pfarrern, die eine dieser Perikopen als Lesung im Gottesdienst vorfinden. Aus Sorge, die Leute könnten diese Geschichten doch nicht ernst nehmen, predigen sie dann lieber über ein anderes Thema, beziehen sich auf eine andere Lesung. Das ist legitim, aber auch schade, denn diese Geschichten haben es – im besten Sinne des Wortes – in sich. Und eigentlich ist es gar nicht so schwer, den tiefen theologischen Sinn beider Texte zu erläutern. Zum Beispiel bei dem Bericht über Jesu Gang auf dem Wasser:

Tiefgang im See-Wunder

Wasser ist in der Bibel an vielen Stellen das Element des Chaos, es versinnbildlicht die elementare Bedrohung des Menschen. Daraus spricht die natürliche Erfahrung, dass dieses lebensspendende Element auch äußerst gefährlich sein kann. Zudem ist uns seit jeher die Metapher von der Kirche als einem Schiff vertraut, das auf zuweilen stürmischer See unterwegs ist.

Und so fügt sich beides zu einem schlüssigen Bild: Jesus kommt über das schäumende Wasser, das die Bedrohtheit des Menschen und seines Heiles versinnbildlicht, seiner Kirche zur Hilfe; er bändigt die Gewalten, auch im übertragenen Sinne, und in seiner Gegenwart sind die Jünger sicher.

Das geht uns an

Der Evangelist Matthäus berichtet die Begebenheit besonders ausführlich und beschreibt zusätzlich  und mit anschaulichen Worten, wie Petrus sich im Vertrauen auf den Herrn selbst aufs Wasser hinaus wagt, dort tatsächlich Tritt fassen kann, bis ihn dann doch der Mut verlässt und er anfängt zu sinken, so dass er durch die rettende Hand Jesu aus dem Wasser gezogen werden muss.

Wer könnte sich darin nicht wiederfinden? Es ist eine wohl allen Gläubigen vertraute Erfahrung, dass uns manchmal Angst und Zweifel überwältigen, obwohl wir uns eigentlich geborgen fühlen könnten. Mit der Vorstellung von tiefem, wildem Wasser können wir unsere Ur-Ängste verbinden; und dass es selbst dem Apostel Petrus so gegangen ist, ohne dass er deshalb von Christus verlassen oder verstoßen worden wäre, das erfüllt uns mit neuem Mut.

Geheimnisvolle Bezüge

Das Weinwunder von Kana bietet womöglich noch tiefer gehende theologische Anknüpfungspunkte: An erster Stelle ist darin eine Vorausdeutung auf die Wandlung in der Eucharistie zu sehen, und die Eucharistie ist schließlich das Herz und Zentrum der Kirche[3].

Wir erleben zudem die Gottesmutter Maria als hilfreiche Fürsprecherin bei ihrem Sohn. Auch würdigt Jesus mit seinem Besuch der Hochzeitsfeier die Ehe zwischen Mann und Frau, worin eine Antizipation der sakramentalen Ehe gesehen werden kann. Und schließlich öffnet uns die Begebenheit auch noch den Blick auf das irdische Leben Jesu, der mit seinen Freunden ganz selbstverständlich an der fröhlichen Feier teilnimmt und damit implizit allen leibfeindlichen, puritanischen und manichäischen[4] Irrlehren eine Absage erteilt.

Re-lecture empfehlenswert

Es lohnt sich also, diese Berichte der Evangelien ernst zu nehmen. Es wäre in dem genannten Sinne sogar vorstellbar, das Gespräch über den Glauben, über Jesus Christus, sein Leben und seine Sendung, mit Menschen anzuknüpfen, die ganz und gar nichts davon wissen, aber diese „amüsanten“ Geschichten schon oberflächlich zu kennen meinen.

Auch für uns selbst halten jene Texte Erkenntnisse bereit, wenn wir nur willens sind, über unseren Schatten zu springen und einmal die wohlfeile Ironie beiseite zu lassen. Oder waren uns etwa jene Bezüge schon immer bewusst – die in diesen Texten das Alte mit dem Neuen Testament verbinden[5] und die zugleich vorausweisen auf das Leben der Kirche[6]? Die Wunder Jesu waren niemals Zaubertricks oder Magie, sondern, noch über den konkreten Anlass hinaus, stets sinnreiche Zeichen und Erweise seiner Gottheit.

Alles nur Symbolik?

Trotzdem bleibt eine durchaus berechtigte Frage übrig: Haben wir hier nur gleichnishafte Erzählungen vor uns, Parabeln gewissermaßen, die uns eine Lehre übermitteln wollen? Die Frage ist keineswegs ungebührlich, denn Jesus lehrte ja viel mit Gleichnissen. Aber sowohl die Erzählung vom Weinwunder in Kana, dem ersten öffentlichen Wunder Jesu, als auch die Begebenheit mit seinem Gang auf dem Wasser werden uns nicht als Parabeln erzählt, sondern als Ereignisse berichtet. Diese Tatsache dürfen wir nicht vorschnell mit dem Hinweis auf ihre theologische Tiefenstruktur beiseite wischen. Aber die Evangelien sind nun mal keine Sagen- oder Parabel-Sammlungen, sondern Berichte über real Geschehenes[7]

Manche Theologen mögen in durchaus guter Absicht argumentieren, dass Weinwunder und Gang auf dem Wasser, im Gegensatz zu den Heilungswundern Jesu, selbst keine unmittelbare Heilsbedeutung zu haben scheinen und ein wenig zu spektakulär seien, was nicht zu Jesu Auftreten passe. Das ist nicht unbeachtlich; aber im Weinwunder von Kana selbst ist schon eine Antwort enthalten: Während Jesus sich zunächst zurückhält[8], lässt er sich dann doch von der Fürsprache seiner Mutter bewegen. Und in ähnlicher Weise bewegt ihn die Not seiner Jünger auf dem stürmischen See zu rettendem Eingreifen und zu einer spirituellen Lehre, die sie nie vergessen sollten.

Die Hand Gottes

Oder haben wir es hier vielleicht mit Visionen zu tun, von denen die Jünger ergriffen wurden, real, wirkmächtig, aber nur ihnen zugänglich und erfahrbar? Wohlgemerkt – das ist nicht zu verwechseln mit Halluzinationen, Autosuggestion oder ähnlichen psychischen Phänomenen. Eine authentische Vision ist höchst wirklich und stellt einen unmittelbaren, verwandelnden und die Alltagserfahrung transzendieren göttlichen Eingriff dar. Zu denken ist zum Beispiel an die Verklärung Jesu auf dem Berge, in Gegenwart dreier Jünger[9]. Es bleiben freilich Unterschiede zwischen dieser Art von Transzendenz-Erfahrung und den hier besprochenen Wundern.

Wie auch immer jene wunderbaren Begebenheiten im Einzelnen abgelaufen sein mögen, sollten wir nicht zu kleingläubig sein. Was bedeutet schon eine solche Durchbrechung der uns vertrauten, kontingenten Welt im Vergleich zu den eigentlichen, alles verändernden Wundern – denen der Menschwerdung, des Leidens und der Auferstehung des Herrn? Um wie viel mehr werden dabei die uns geläufigen und in unserer kleinen Lebenswelt „plausibel“ erscheinenden Grenzen überwunden?

Seien wir also nicht engstirnig, und versuchen wir nicht Gott in den Arm zu fallen, weil unser Glaube, wie bei Petrus auf dem See, oder einfach unser Stilempfinden, herausgefordert sind. Wann immer wir für etwas beten, um Gottes Hilfe bitten, erhoffen wir ja nichts anderes, als dass er die Enge unserer conditio humana durchbreche. Bleiben wir also offen dafür, dass Gott damals wie heute Herr über alle Dinge ist.


[1]Mt 14, 22-33, Mk 6, 45-52, Joh 6, 16-21.

[2]Joh 2, 1-12.

[3]Vgl. die Enzyklika von St. Johannes Paul II. „Ecclesia de Eucharistia“ https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_20030417_eccl-de-euch.html

[4]Manichäische Sekten vertreten eine strenge Scheidung der materiellen, für böse gehaltenen, und der geistlichen, allein guten Welt. Das widerspricht der christlichen Lehre.

[5]Zur Wassersymbolik im AT vgl. schon Gen. 1, 2: Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

[6]Vor allem die Eucharistie, die Sakramente insgesamt und die Fürbitte der Heiligen.

[7]Vgl. hierzu insgesamt auch: Klaus Berger: Sind die Berichte des Neuen Testaments wahr? Ein Weg zum Verstehen der Bibel. 2008.

[8]„Meine Stunde ist noch nicht gekommen“, Joh 2, 4.

[9]Mt 17, 1-9; Mk 9, 2-10; Lk 9, 28-36.