Home Redaktion Leitartikel Die letzten Dinge … (2)

Die letzten Dinge … (2)

Was dürfen wir hoffen, was wissen wir?

Was heißt hier „Offenbarung“?

Vielen Zeitgenossen fällt es schwer, sich einfach auf den Katechismus zu verlassen. Schon das Wort klingt für viele Menschen unmodern, und die Skepsis gegenüber jeder kirchlichen Autorität ist uns schon habituell geworden: Woher wollen die das alles wissen? Nun behauptet die Kirche gar nicht, sie hätte auf alles eine Antwort, die auch noch den letzten Zweifler zwingend überzeugen müsse, gerade was die „letzten Dinge“ betrifft. Gleichwohl hütet sie sorgsam den Schatz des Glaubenswissens, das uns zugänglich (und völlig ausreichend) ist.

Wie durch einen Schleier… 

Die primäre Quelle von Erkenntnis über „die letzten Dinge“ ist das Neue Testament, genauer gesagt: Jesus Christus selbst. Seine Worte werden uns von seinen Aposteln überliefert. Auch die Apostel erhielten dabei keine vollständige „göttliche Schau“ ins Jenseits, schon weil es die in unserem begrenzten menschlichen Sein gar nicht geben kann. So wie man mit dem bloßen Auge nicht in das Innere der Sonne schauen kann. 

Sehr schön fasst es der erste Johannesbrief[1] zusammen: „Meine Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen wie er ist“. Ähnlich sagt es der Apostel Paulus: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“[2]

Eine aufregende Enthüllung

Nur manchmal, ganz selten, können Menschen schon in diesem Leben einen Blick auf das erhaschen, was eigentlich jenseitig, transzendent und daher unserem Wissen und Verstehen entzogen ist. Ein wunderbarer Einblick dieser Art wurde drei Jüngern Jesu zuteil, die er mit auf einen Berg nahm[3]. Petrus, Jakobus und Johannes wurden dort Zeugen der „Verklärung“ Jesu, also einer Offenbarung seiner Gottheit. Doch bleibt das eine Ausnahme; Gott überwältigt die Menschen nicht, sie sind gehalten, sich ihrer Sinne und ihres Verstandes zu bedienen, als Zugang zur Erkenntnis.

Wie geht Auferstehung?

Was bei der Verklärung Jesu nur drei Jüngern zuteil wurde, das sahen, in anderer Weise, nach seiner Auferstehung auch alle anderen Jünger und hunderte weiterer Zeugen[4]. Diesen gemeinsam ist, dass sie mit eigenen Augen und allen Sinnen feststellen konnten: Ja, das ist derselbe Jesus, mit dem wir gesprochen und gegessen haben. Er ist kein Geist oder Gespenst, keine Fata Morgana oder Sinnestäuschung. 

Zugleich aber erfahren all jene Auferstehungszeugen – zuallererst die Frauen am leeren Grab – dass der Herr nicht einfach nur in das „normale“ Leben zurückgekehrt ist, sondern eben in irgendwie veränderter, „verklärter“ Form. So kann der, welcher sich gerade bei Tisch als echt und physisch präsent erwiesen hat, plötzlich ihren Blicken entzogen werden. So erfuhren es die Emmaus-Jünger[5]. Und es waren diese Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus, die aus einer Schar versprengter, furchtsamer und enttäuschter Angst-Jünger mit einem Schlag tapfere, frohgemute und begeisterte Glaubenszeugen machte.

Der Auferstandene ist derselbe wie zuvor und doch anders. Anders als Lazarus und andere Menschen, die Jesus bei seinem irdischen Wandel vom Tode erweckt und ins physische Leben zurückgerufen hat. Lazarus ist später irgendwann doch gestorben. Der „verklärte“ Auferstandene dagegen stirbt nicht mehr. Und er gibt seinen Jüngern damit – damals wie heute – einen kleinen Einblick in die Ewigkeit. Die christliche Auferstehungshoffnung ist auf wunderbare Weise konkret. So wie Christus auferstanden ist, werden auch wir auferstehen: erkennbar dieselben Personen, aber frei von der Vergänglichkeit. 

Exkurs: Legitime Schlussfolgerungen

Aus dieser Erfahrung mit dem Auferstandenen, der „ganz derselbe“ und zugleich „ganz verwandelt“ ist, darf man ein paar legitime Schlussfolgerungen ziehen: Jene, die krank und leidend gestorben sind, werden nicht in Ewigkeit Leidende sein. Wer als Greis gestorben sind, wird nicht in Ewigkeit greisenhaft sein, Behinderte nicht in Ewigkeit behindert, und Kinder, die als Baby starben oder schon im Mutterleib getötet wurden, bleiben auch nicht in Ewigkeit Babys. Obwohl uns die Vorstellungskraft dafür fehlt „wie das geht“, dürfen wir also aus den Erscheinungen des auferstandenen Christus mit Sicherheit ablesen: Auferstehung mit Leib und Seele bedeutet, dass wir unsere Identität vollständig bewahren, aber es bedeutet nicht ein Zurückfallen in materielle Beschränktheit und Sterblichkeit.

Ende und Anfang, Zeit und Ewigkeit

Dem gläubigen Christen wird im Tode „das Leben gewandelt, nicht genommen“[6]. Das ist, wie wir gesehen haben, der Kern der frohen Botschaft, des Evangeliums, von den Aposteln und den ersten Christengemeinden an, und bis zum heutigen Tag. Das Ende des irdischen Lebens ist zugleich der Anfang des „ewigen“. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, wovon wir sprechen: Der Ausdruck „ewiges Leben“ bedeutet nicht eine ins unendliche verlängerte Wiederholung des irdischen. Nur in dem Raum-Zeit-Kontinuum in dem wir leben, sind diese zeitlichen und räumlichen Begriffe zuhause. Aber wir haben nun mal keine andere Möglichkeit der Erfahrung und für deren Ausdruck, als innerhalb derselben. Alles was darüber hinaus geht – Transzendenz – entzieht sich unserer Anschauung.

Darin kann man aber zugleich eine nützliche Verständnishilfe sehen. Das sog. „besondere Gericht“ erfährt jeder Mensch gleich nach dem Tod „in seiner unsterblichen Seele entsprechend seinem Glauben und seinen Werken“[7]. Doch nimmt das nicht das Jüngste Gericht[8] „am Ende der Zeiten“ vorweg. Raumzeitliche Begriffe (vor /nach) verlieren ihre Bedeutung mit dem Tode. Wir vermögen jenes Geschehen in der Ewigkeit nicht zu „begreifen“, da wir es nur quasi von außen betrachten können. Und doch ist es plausibel. Es ist ein wenig wie in der projektiven Geometrie: wir wissen, dass sich zwei Parallelen im Unendlichen treffen. Eine Tatsache mit der wir leben können, auch wenn sie jeder menschlichen Anschauung widerspricht.

Ist die Hölle leer?

Eine Frage, die viele gläubige Menschen beschäftigt und beunruhigt ist die nach der Verdammnis. Der Katechismus behandelt die Frage nach der Hölle nüchtern und zurückhaltend. Niemand kann Gott in die Karten schauen und darüber endgültige Aussagen machen. Doch hat die Kirche zu Recht immer darauf verwiesen, dass die Entscheidungsfreiheit des Menschen diese schreckliche Option einschließt. Dazu gibt es Gerichtsworte Jesu, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen[9].

Doch haben immer wieder in der ganzen Kirchengeschichte[10] Menschen versucht, das wegzuinterpretieren, ausgehend von der Tatsache, dass doch Gott alle Menschen liebt und erlöst hat. Von diesem Standpunkt aus kommt man dann zu der Annahme, es könne doch nicht sein, dass Gott jemanden in die Hölle schickt. Aber er schickt ja auch niemanden hinein; in die Hölle kommt man nur aus eigenem Antrieb, durch die Zurückweisung der Erlösung. 

Abgrund und Trost

So abstrakt ausgedrückt klingt das schwer fasslich: Würde nicht auch der übelste Verbrecher nachgeben, wenn er mit der Realität des Gerichts konfrontiert ist, und weder Unglaube noch Verblendung Bestand haben? Man muss schon Berichte über schlimme, unaussprechliche Verbrechen lesen, um zu begreifen, bis zu welchem Maß an teuflischer Bosheit Menschen gelangen können. Von dem „Mysterium iniquitatis“[11] können wir uns nur mit Schaudern abwenden.

Zutiefst tröstlich ist es dagegen, wenn wir lesen, wie Vergebung und Erlösung auch im Extremfall wirken: In den Worten des gekreuzigten Jesus an den reuigen Verbrecher neben ihm steckt nicht nur ein letzter und äußerster Beweis seiner Liebe zu allen Menschen, auch denen, die schwere Schuld tragen. Darin öffnet sich zugleich schlaglichtartig ein Blick auf das Wirken göttlicher Gerechtigkeit in Zeit und Ewigkeit: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“[12]


[1]    1 Joh 3, 2.

[2]    1 Kor 13, 12.

[3]    Mt 17, 1-7. Berge sind in der Bibel typischerweise Ort der Gottesbegegnung, schon im AT.

[4]    1 Kor 15, 5 ff.

[5]    Lk 24, 13-35.

[6]    Römisches Messbuch.

[7]    Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium. Bonn 2005. Nr. 208.

[8]    Ebd. Nr. 214/215.

[9]    Mt 25, 41 zum Beispiel.

[10]  Dem großen spätantiken Theologen Origenes wird eine solche Vorstellung der „Allversöhnung“ zugeschrieben, was  schon in seiner Zeit (3. Jh.) von der Kirche verurteilt wurde. Es sind allerdings Zweifel angebracht, ob Origenes das wirklich in so krasser Form behauptet hat. Einschlägige Äußerungen stammen aus zweiter oder dritter Hand.

[11]  Das Geheimnis des Bösen – wie es überhaupt sein kann.

[12]  Lk 23, 43.

Die mobile Version verlassen