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Die letzten Dinge … (1)

Wie gehen wir mit Sterben, Tod und Endlichkeit um?

In der deutschen Sprache gibt es eine oft gebrauchte Redewendung, über deren tieferen Sinn wir eigentlich nie nachdenken: Wenn etwas völlig klar, unbestreitbar, hundertprozentig sicher ist, dann sagen wir, das sei „todsicher“. Und tatsächlich wissen wir alle ganz genau, dass ungeachtet aller Unwägbarkeiten, Chancen und Risiken, und unabhängig von Glück oder Unglück jedes Leben einmal an sein Ende kommt. Dieses Eine ist sicher: am Ende steht der Tod. Das ist nicht nur ein biologisches Faktum, es ist auch Teil der „conditio humana“1 und bestimmt dadurch – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – unser ganzes Leben.

Memento mori 2

In der christlich-abendländischen Tradition werden alle diese Fragen, die mit Sterben, Tod und Ewigkeit zu tun haben, seit alters mit dem Begriff „die letzten Dinge“ bezeichnet, womit ein zentrales theologisch-philosophisches Thema angesprochen wird. Und das umfasst nicht nur das todsichere Ende jedes einzelnen menschlichen Lebens, sondern auch die weitere Perspektive, welche die gesamte Menschheit betrifft, bis hin zum Ende aller Dinge3, Auferstehung und Gericht. 

Diese existenziellen Fragen um Sterben und Tod wurden in christlichen Gesellschaften keineswegs verdrängt oder tabuisiert; sie waren vielmehr fester Bestandteil der Alltagswelt und auch der Kunst und Literatur. Die in unserer Gegenwart vielfach anzutreffende Scheu im Umgang mit Sterben und Tod ist auf den Schwund des Glaubens und die radikale Säkularisierung der westlichen Gesellschaften zurückzuführen. 

Auch gläubige Christen haben natürlich Angst, wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden, und es ging ja – wie uns das Neue Testament in aller Deutlichkeit berichtet4 – auch Jesus nicht anders. Am Ende aber steht für Christen nicht das kalte, blanke Nichts, sondern die Erwartung der Auferstehung, des Eingehens zu Gott und damit auch das Wiedersehen lieber Verstorbener. Das gibt nicht nur Trost im Angesicht des Todes, sondern ermöglicht schon während des irdischen Lebens eine ganz eigene, lebensfrohe Einstellung.

Umgang mit dem Unausweichlichen – oder Umgehung …?

Fehlt eine solche Perspektive, dann wird die Endlichkeit des Lebens zu einem düsteren und letztlich unlösbaren Problem, worauf man – menschlich verständlich – in der Regel mit Verdrängung oder Verleugnung reagiert. Das nimmt bisweilen groteske Formen an, wenn zum Beispiel (und das ist kein erfundenes) mächtige Diktatoren in ihren Ländern massiv in Altersforschung und Methoden zur Steigerung der Langlebigkeit investieren lassen, ganz so, als könnten sie ihre Macht auch über den Tod ausüben. Größenwahn in letzter Konsequenz.

Aber solches Denken eignet natürlich nicht nur fremden Tyrannen, sondern auch ganz harmlosen Zeitgenossen. Es gibt in Deutschland eine Splitterpartei, deren einziges Thema Langlebigkeitsforschung ist, und zwar durch die Suche nach wissenschaftlichen Möglichkeiten, die „biologische Uhr“ im menschlichen Organismus irgendwie anzuhalten. In dieselbe Kategorie gehören bizarre Ideen wie das „Herunterladen“ des menschlichen Geistes in einen Computer oder das Einfrieren des Körpers, in der Hoffnung, eines Tages aufgetaut zu werden, wenn die Technik eine Wiederbelebung möglich macht. 

Alles das sind verzweifelte Versuche, der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen, und ihnen allen ist gemein, dass sie von vorne herein zum Scheitern verurteilt sind. 

Sterblichkeit ist keine Krankheit… 

Den Menschen zu ermöglichen länger und gesünder zu leben, ist zweifellos ein edles Ziel. Auch hat uns ja der zivilisatorische Fortschritt in Medizin und Technologie wirklich großartige Verbesserungen gebracht, was sich nicht nur in deutlich höherer durchschnittlicher Lebenserwartung niederschlägt, sondern auch in der Befreiung von manchem schweren Leiden. Wohl niemand von uns wollte im Ernst auf die Segnungen der modernen Medizin verzichten und wieder so leben wie die Menschen in der Antike und bis in die neuere Zeit hinein. Aber die Tatsache, dass wir alle sterblich sind, ist eben nicht ein Defekt unserer Biologie, der sich durch verbesserte Behandlungsmethoden beseitigen ließe, sondern eine Grundkonstante des irdischen Lebens.

Natürlich gibt es auch intellektuell anspruchsvollere Wege, mit dem Problem der Sterblichkeit umzugehen, selbst wenn man von Gott nichts wissen will. Atheistische oder agnostische Ansätze, wie zum Beispiel im Existenzialismus, können sogar von großem Ernst und ehrlichem menschlichem Streben erfüllt sein, in ihrem Bemühen, sich dem Unausweichlichen gefasst und bewusst zu stellen. Und doch bleibt bei ihnen am Ende nur Leere und Trostlosigkeit. 

So ansprechend und edel manche philosophischen Ansätze auf den ersten Blick sind – von den antiken Stoikern bis zu Albert Camus5 – ihnen allen ist gemein, dass sie niemals mehr bieten können, als den Versuch, „aus der Not eine Tugend“ zu machen, sich irgendwie „abzufinden“ mit dem Unvermeidlichen, es sich schön zu reden. Bestenfalls bleibt eine gefasste Resignation: In the long run, we are all dead…6 Wirklichen Trost spendet das nicht, weder Philosophen und Wissenschaftlern, noch ganz normalen Menschen, die mit diesen selbstgewissen, abgehobenen Gedankengebäuden ohnehin nichts anzufangen wissen. 

… aber auch nicht das letzte Wort

Vor allem aber bleibt bei all diesen Versuchen ein zentraler Aspekt völlig außer Acht: Die Sterblichkeit ist ein Zeichen der „gefallenen“ Schöpfung, nicht der ursprüngliche Wille des Schöpfers7. Und dieser wird erst mit der Überwindung des Todes wiederhergestellt. 

Es ist eine verborgene und weithin verleugnete menschliche Katastrophe unserer Zeit, dass eine blinde und gedankenlose Säkularisierung so vielen Menschen den Trost nimmt, der eigentlich direkt vor ihnen liegt, leicht zugänglich und sozusagen mit Händen zu greifen wäre: Die christliche Auferstehungshoffnung. Keine „Vertröstung“ auf das Jenseits, wie eine abgedroschene und klischeehafte Allerweltsmeinung immer mal wieder behauptet, sondern ganz im Gegenteil: Eine Glaubensgewissheit, die nicht erst im Angesicht des Todes wirksam wird, sondern quasi rückwirkend, antizipatorisch das ganze Leben der Menschen befreit und stärkt.

Was die Kirche lehrt

Die kirchliche Lehre von den „letzten Dingen“ ist weder kompliziert noch schwer verständlich. Sie ist nicht aus einem philosophischen Konstrukt entstanden und baut auch nicht auf irgendwelchen kulturellen Traditionen und willkürlichenAnnahmen auf. Sie geht vielmehr zurück auf das Neue Testament, auf Jesus Christus, der nicht ein „Religionsgründer“ war, sondern das menschgewordene Wort (Joh. 1, 1 ff). Die kirchliche Lehre bewahrt nichts selbst Erfundenes und keine menschlichen Ideen, sondern Offenbarung. Gott wird Mensch und teilt das menschliche Schicksal des Sterbens, womit dieses endgültig überwunden wird – das geht über alle Vorstellungskraft und religiöse Phantasie weit hinaus. Kein erhabener philosophischer Diskurs und kein noch so ehrlicher interreligiöser Dialog kann dem etwas Wesentliches hinzufügen und sicher nichts davon wegnehmen – so gut und wichtig Erklärung, Auslegung und Dialog auch immer bleiben werden. 

Der Katechismus8 ist die erste Quelle der Erkenntnis, wenn man eine verlässliche Antwort auf die großenMenschheitsfragen haben will: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was dürfen wir hoffen? In kompakter Form findet man alles Wesentliche (im wahrsten Wortsinne) im Kompendium9 des Katechismus, Antwort auf die zentralen Fragen: Was ist das ewige Leben? Und was ist das besondere Gericht, das alle Menschen unmittelbar nach dem Tode erwartet? Was sind der Himmel und das Purgatorium? Was hat es mit dem Jüngsten Gericht auf sich? Und wie ist das mit der Hölle?

Wer’s glaubt wird selig …?

In der Tat! Wir können uns das ewige Leben nicht erarbeiten; unsere irdischen Leistungen gehen gewiss nicht einfachverloren, aber was „im Himmel“ zählt, ist etwas anderes. Das Christentum unterscheidet sich von anderen Religionen,darauf verweist Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., nicht zuletzt dadurch, dass es ganz und gar auf den Glauben ausgerichtet ist. Nicht „Observanz“ steht im Mittelpunkt, die Befolgung von Riten und Regeln; auch nicht das „Gesetz“, so gut und wichtig es auch ist. Entscheidend ist der Glaube an Christus. Seine Auferstehung ist der Kern der christlichen Botschaft und der Grund für unsere Hoffnung.

Alles oder nichts

Der Apostel Paulus sagt es mit größter Deutlichkeit: Ohne den Glauben an die Auferstehung wäre alle Verkündigung leer und trostlos: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15, 13 f.). 

Eine bloß vage Hoffnung, die ganz im Diesseitigen verharrt – eine Einstellung die uns heute so oft begegnet, sogar in der Kirche – lässt er nicht gelten: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15, 19). Die Zentralität der Auferstehung für den christlichen Glauben könnte nicht deutlicher ausgedrückt werden. Und zugleich ist darin auch das eigentliche „Alleinstellungsmerkmal“ des Christentums gegenüber allen anderen Religionen enthalten10.

Aber, so mag man nun fragen,was soll das heißen? Was bedeutet das für mich? Und woher wissen wir das alles überhaupt? Stellen wir uns den wichtigsten Fragen im Einzelnen!

(Wird fortgesetzt in Teil 2)

1Das Wesen des Menschen als fehlbares und sterbliches Geschöpf.

2„Bedenke dass du sterblich bist!“

3Vgl. hierzu: Joseph Pieper: Über das Ende der Zeit. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung. München 1950; Neuauflage Kevelaer 2014.

4Davon berichten alle Evangelien; vgl. z.B. Mt 26, 36 ff.

5Vgl.: https://erziehungstrends.info/der-falsche-sisyphus

6Nach einem berühmten Diktum des Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes, der damit ironisch auf die Unmöglichkeit verwies, langfristige sichere Prognosen zu stellen.

7Romano Guardini: Die letzten Dinge. 11. Aufl. 2026, S. 13 ff

8Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993. Artikel 11 und 12, Nr. 988-1065.

9Katechismus der Katholischen Kirche, Kompendium, Bonn 2005. S. 82-85 (Nr. 202-217).

10Vgl. hierzu: Guardini, a.a.O. S. 11-19 und passim.

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